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Tennis-Expertin Barbara Schett.

Tennis-Kolumne

Spielball Schett-Eagle

Die Innsbruckerin Barbara Schett-Eagle, ehemals Nummer sieben der Welt, berichtet für die TT vom aktuellen Tennis-Geschehen und analysiert die Jagd nach dem gelben Filzball auf und abseits des Center Courts.

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Die Fans waren respektlos

Die Pfiffe des Publikums hat sich Novak Djokovic nach seiner Aufgabe nicht verdient. Wer die Woche verfolgt hat, der weiß, dass er immer wieder Probleme hatte mit der Schulter und sich behandeln ließ. Er hat auch erwähnt, dass er nicht ganz fit war. Für ihn war es sehr bitter, dass er das Spiel so beenden musste. Umso bitterer natürlich, weil ihn die Fans auch noch mit Buh-Rufen verabschiedeten. Ich finde, dass das respektlos war.

Aber es ist eine der Eigenheiten der US Open. Die Zuschauer sind hier nicht so fachkundig wie bei den anderen Grand Slams. Es ist meist ein Riesenlärm, es wird gegessen und getrunken – und die Leute bekommen nicht immer mit, was unten am Platz vor sich geht. Und es kann gut sein, dass viele nicht mal wussten, was los war, als Djokovic den Platz verließ.

Stan Wawrinka hat für mich auf der anderen Seite sicher das Zeug, dass er hier in New York gewinnen kann. Zumal er mit dem Russen Daniil Medwedew einen Gegner hat, der sich mit Provokationen auch schon mit dem Publikum angelegt hat. Aber so etwas gibt dem Spiel Würze – mir taugt das. Und wenn er gewinnen würde, könnte das ewige Duell mit Landsmann Roger Federer warten.   

Kyrgios soll endlich mal lernen, dass er ruhig sein muss

Was Nick Kyrgios auf und abseits des Tennisplatzes zeigt, ist zu viel des Guten. Zuerst bezeichnete der Australier in New York die Profi-Vereinigung ATP als korrupt, dann legte er sich gestern bei seinem Match wie gewohnt mit dem Schiedsrichter an. Dabei sollte Kyrgios endlich mal lernen, dass er ruhig sein muss. Es gibt in unserem Sport Regeln, an die sich die Leute zu halten haben. Und die kann Kyrgios, der ein grandioser Spieler ist, nicht immer missachten. Da muss die ATP härter durchgreifen, was sie in gewissem Maße schon tut, weil die Schiedsrichter früher zu Strafen greifen als bei anderen Spielern.

Dabei bin ich ein Befürworter von emotionalen Auftritten. Würden sich alle gleich verhalten, wäre es langweilig – doch Kyrgios schlägt da immer wieder über die Stränge. Das Bedenkliche daran: Bei den Erwachsenen sorgt er zwar für Kopfschütteln und Unverständnis, bei den Kindern ist Kyrgios jedoch der große Held. Dabei ist er gerade durch sein Verhalten ein schlechtes Vorbild für den Nachwuchs. Doch auch in diesem Fall wird die Wahrheit durch ein zweischneidiges Schwert getrennt. Denn Kyrgios zieht Fans an. Wenn er auf dem Platz ist, weiß man: Da ist was los.

Thiem und das „Scheduling“

Über die aktuelle Form von unserem Tennis-Ass Dominic Thiem unmittelbar vor seinem Auftakt-Match in New York (Dienstag) kann man nur spekulieren. Tatsache ist, dass die Erwartungshaltung vor den US Open angesichts der vergangenen Ergebnisse dort und der heurigen Saison eine hohe ist. Tatsache ist aber auch, dass er unlängst ein Training abgebrochen hat. Der Virus, der ihn gepackt hat, dürfte ihn ziemlich geschwächt haben.

Die Belastung der vergangenen Wochen war jedenfalls eine große, das steht außer Frage. Erst der emotionale Sieg in Kitzbühel, dann ging es gleich weiter Richtung Westen, wo ihn der Belagswechsel von Sand- auf Hartplatz erwartete. In Montreal erreichte er immerhin das Viertelfinale, aber Cincinnati ließ er krankheitsbedingt bereits aus. Das zu bewerkstelligen, ist vor den US Open nicht einfach und kostet viel Energie.

Möglicherweise muss sich Dominic über sein „Scheduling“, also die Saisonplanung, ein wenig Gedanken machen. Denn so sehr wir uns über einen Auftritt wie jenen in Kitzbühel freuen: Die darauffolgenden Turniere haben ebenso einen hohen Stellenwert, da bedarf es einer überlegten Planung.   

Djokovic ist für viele zu wenig natürlich

Dass Novak Djokovic im Wimbledon-Finale nicht so viel Applaus bekam wie Roger Federer, lag daran, dass er nicht so natürlich rüberkommt. So wie am Schluss, als er den Rasen gegessen hat. Das wirkt alles etwas aufgesetzt – und das spüren die Menschen. Novak nimmt man es einfach nicht so ab wie Federer, da bleibt immer irgendwie ein bitterer Beigeschmack. Ich war am Sonntag beim Champions Dinner der Wimbledon-Sieger, da hat Novak eine Rede gehalten, die sehr sympathisch war. Da ist er plötzlich wieder sehr gut rübergekommen. Aber Federer ist und bleibt ein Publikumsliebling und -magnet. Er ist der älteste Spieler, hat so viel erreicht, ist immer nett und gut drauf. Vom Menschlichen kommt keiner an ihn heran.

Auch beim Halbfinal-Duell gegen Rafael Nadal hatte Federer fast alle auf seiner Seite. Das bestätigt auch das, was ich in den letzten Jahren öfters merke: Die Leute halten immer mehr zu den älteren Spielern. Wenn Novak 37 Jahre alt ist, dann dreht sich das wohl zu seinen Gunsten. Das war auch früher bei John McEnroe oder Jimmy Connors der Fall. Wenn es dem Ende entgegengeht, gewinnt man mehr Fans. Nadal und Federer sind von der Popularität und als Sympathieträger vor Djokovic. Aber dafür gewann er eines der größten Wimbledon-Endspiele. Die Stimmung im Stadion war unglaublich. Kaum einen hielt es am Sitz. Mich eingeschlossen.

Williams muss sich beherrschen

In ihrer Kolumne für das US-Magazin Harper’s Bazaar hat Serena Williams geschrieben, dass sie sich bei der Japanerin Naomi Osaka entschuldigt hat. Das ist gut. Ihr Benehmen beim US-Open-Finale vergangenen September mit den wüsten Beschimpfungen des Schiedsrichters war und ist inakzeptabel. Ich finde es diesbezüglich jedoch interessant, dass sich die Amerikanerin hinsichtlich des Unparteiischen immer noch als Opfer sieht. Denn das ist sie nicht. Ihre Unbeherrschtheit hat sich schließlich auch jetzt wieder in Wimbledon gezeigt. Die Strafe von gut 9000 Euro für die Beschädigung des Rasens (mit dem Racket im Training) ist vollkommen richtig. Das Grün zu pflegen, kostet viel Mühe und Geld. Ein Tennis-Star, wie es die siebenmalige Wimbledon-Siegerin ist, muss sich beherrschen können und ich erwarte mir, dass sie das mit 37 Jahren auch noch lernt.

Nichtsdestotrotz vergönne ich ihr den Sieg hier in London, weil die Jungmutter körperlich noch einmal an sich gearbeitet hat und fitter geworden ist. Ich finde auch, dass ihr der Einsatz mit Andy Murray im Mixed-Doppel irrsinnig gut tut. Auch wenn die beiden gestern ausschieden.

Deswegen glaube ich auch, dass heute sowohl Simona Halep (ROU) als auch Williams ins Finale einziehen werden. Williams wird am Ende den 24. Grand-Slam-Titel gewinnen.   

Thiem fehlt der Glaube an sich

Dominic Thiem hat auf Rasen ein großes Problem: Er glaubt nicht an sich selbst. Jeder wusste, dass Sam Querrey ein schwieriges Los ist. Aber dennoch hat mir Dominic in seinem Spiel nicht gut gefallen. Er hat zu viele Eigenfehler gemacht, hatte mit dem Return Probleme. Und als er dann bei 1:2-Sätzen hinten war, hat man in seinem Gesichtsausdruck gesehen, dass er sich hier in Wimbledon unwohl fühlt.

In Summe deutet das alles darauf hin, dass Dominic sein Spiel auf Rasen noch nicht gefunden hat. Er kann es lernen, das steht außer Frage. Aber dafür muss der Wille da sein, um für die kurze Rasen-Saison das Spiel umzustellen. Man muss sich darauf einlassen und daran arbeiten. Und es lohnt sich, wir sprechen hier immerhin von Wimbledon. Dennoch muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er diesen Weg auch gehen will.

Dominic hat heuer auch einen anderen Pfad versucht, hat im Vorfeld weniger gespielt. Am Ende sammelt er weiter Erfahrung – und die ist entscheidend. Viele fühlen sich auf Rasen unwohl, das ist auch am Scheitern vieler Top-Spieler erkennbar. Aber Dominic wird das Aus nicht runterziehen. Und jetzt kann er sich in Ruhe auf Kitzbühel vorbereiten.

Setzung in London ist respektlos

Wimbledon und das Rasen-Tennis haben sich grundlegend verändert. Ich habe die letzten gut 25 Jahre regelmäßig hier gespielt – und seither hat sich viel getan. Das liegt an der neuen Züchtung des Rasens. Der wächst nicht mehr nur in eine Richtung wie früher, sondern über Kreuz. Damit wird das Spiel langsamer und attraktiver. Jetzt gibt es viel mehr Grundlinien-Duelle. Früher, in den 1990er-Jahren, hat es kaum Ballwechsel gegeben, da warst du als starker Aufschläger weit im Vorteil. Thomas Muster etwa, der nie in Wimbledon ein Spiel gewonnen hatte, passte der Rasen gar nicht.

Das Problem war aber auch, dass sie ihn nicht richtig gesetzt haben. Normal wird nach der Weltrangliste geordnet, aber in Wimbledon haben die Leute als einziges der vier Grand Slams freie Hand. Es gibt immer wieder Debatten darüber. Ich finde es nicht richtig. Du arbeitest das ganze Jahr über für ein gutes Ranking und wirst dann nicht belohnt. Das ist ein wenig respektlos.

Dominic Thiem drücke ich heute fest die Daumen, auch wenn er mit Sam Querrey für mich das härteste Los erwischte. Der hat ein enormes Selbstbewusstsein und wird sehr unangenehm.

Vorbereitung auf dem Prüfstand

Ein schlechteres Los als Sam Querrey (USA) kann man für die erste Runde von Wimbledon nicht ziehen. Doch wenn Dominic Thiem am Dienstag diese Hürde meistern will, steht auch seine Vorbereitung auf dem Prüfstand. Denn im Gegensatz zu den vergangenen Jahren verzichtete der Nieder­österreicher diesmal auf vorbereitende Rasenturniere wie jenes in Stuttgart oder Halle. Vielleicht ist er diesmal hungriger als sonst? 

Ändern muss Dominic im Vergleich zu den Vorjahren ohnedies einiges: Er muss aggressiver auftreten, öfter ans Netz gehen. Wie ernst ein Sandplatzspezialist die Rasensaison nimmt, die doch nur vier Wochen dauert? Nun – Wimbledon ist der prestigeträchtigste Titel, den man im Tennis gewinnen kann. Und allein deshalb muss man dem Bewerb Aufmerksamkeit schenken.

Die besten Karten für einen Sieg haben heuer die drei Großen, also neben Rafael Nadal und Novak Djokovic auch Rasenkönig Roger Federer. Das Feld rückt immer weiter zusammen und dem Schweizer läuft irgendwann die Zeit davon, um seinen Rekord (20 Einzel-Siege/Grand Slam) auszubauen. Ewig wird Roger nicht auf diesem Niveau spielen.

Djokovic machte zu viel Theater

Es ist schade für Dominic Thiem, dass das Halbfinale ges­tern abgebrochen wurde. Er war der bessere Spieler, hat sich bei den schwierigen Bedingungen viel besser zurechtgefunden. Sein kraftvolles Tennis war bei dem kräftigen Wind eine gute Waffe gegen Novak Djokovic. Ob der für die Absage zuständig war, ist schwer zu sagen. Am Ende müssen beide Spieler zustimmen. Klar ist aber, dass Djokovic mit seinem Verhalten Druck auf die Veranstalter gemacht hat. Er hat sogar den Supervisor auf den Platz gerufen und mit ihm diskutiert. Es geht nicht, dass Djokovic so ein Theater macht. Aber für ihn ist es sicher gut, dass erst am Tag darauf wieder gespielt wird, ist doch gutes Wetter angesagt.

Thiem hat sich auf der anderen Seite nicht beschwert und sein Spiel durchgezogen. Es wird heute ganz, ganz schwierig für ihn. Die Nacht vor so einem Match ist schwierig, da müssen die Trainer sehr viel Arbeit leisten, damit die Spieler runterkommen. Die Anspannung ist hoch, vor allem weil schon so früh gespielt wird. Aber ich sehe Dominic Thiem im Vorteil. Er muss einfach sein Spiel durchziehen.   

Regen zehrt an den Nerven

Der gestrige Regentag war besonders für die Damen eine Herausforderung. Die vier waren schon früh auf der Anlage und mussten immer bereit sein für ihren Einsatz. Das zehrt ungemein an den Nerven. Erfahrene Spielerinnen, wie die ehemalige Weltranglis­ten-Erste Simona Halep, sind da klar im Vorteil gegenüber den Jungen, wie ihre 17-jährige Gegnerin, US-Shootingstar Amanda Anisimova. Ich erinnere mich selbst, wie anstrengend es als Spielerin war, so lange zu warten. Erfahrung ist dabei der große Trumpf.

Während ich die Viertelfinalistinnen schon auf dem Areal gesichtet habe, war von den Herren nichts zu sehen. Die wussten um die schlechte Prognose und haben es vorgezogen, in ihrem Hotel zu bleiben, anstatt sich hier die Zeit zu vertreiben. Das machen die im Übrigen am liebsten mit Kartenspielen. Dominic Thiem ebenso wie Rafael Nadal, der immer ein traditionell spanisches Kartenspiel bei sich hat. In diesem Fall war das aber nicht notwendig, denn es war schon früh absehbar, dass an diesem Tag nicht gespielt wird. Roland Garros braucht dringend ein Dach. 

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