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Tennis-Expertin Barbara Schett.

Tennis-Kolumne

Spielball Schett-Eagle

Die Innsbruckerin Barbara Schett-Eagle, ehemals Nummer sieben der Welt, berichtet für die TT vom aktuellen Tennis-Geschehen und analysiert die Jagd nach dem gelben Filzball auf und abseits des Center Courts.

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Der Anfang von etwas Großem

Dass sich Iga Swiatek bei den French Open ihren ersten Turniersieg abseits der Future-Turniere holte, verdeutlicht die Dimensionen des Erreichten. Das war auch bei meinem Moderatoren-Kollegen Mats Wilander der Fall. Beeindruckend daran ist vor allem, wie souverän die Polin mit erst 19 Jahren im Finale spielte. Sie zeigte keine Nervosität und war taktisch wie spielerisch Weltklasse. Es ist eine absolute Sensation, die Swiatek da gelungen war. Auch wenn sie in den Monaten zuvor schon sehr stark gespielt hat – das war so nicht absehbar und damit hat auch niemand im Vorfeld gerechnet.

Und ich glaube, dass das der Anfang von etwas Großem sein wird. Sie hat das spielerische Rüstwerk und besitzt zugleich keine wirkliche Schwäche. Ich bin mir daher sicher, dass wir in Zukunft noch viel von ihr hören werden. Die Frage wird nur sein, wie sie diesen Titel bei den French Open mental verarbeitet. Das ist gerade mit 19 Jahren schwierig.

Gespannt bin ich auf das heutige Herren-Finale zwischen Rafael Nadal und Novak Djokovic. Auch wenn Novak im letzten Grand-Slam-Finale 2019 überlegen war, glaube ich doch, dass er in Paris zu viele Probleme haben wird. Rafa fühlt sich hier am wohlsten und weiß, dass er hier zwölfmal gewonnen hat – deshalb tippe ich auch auf Nadal.

Dominic Thiem, Mentalitätsmonster

Was mir am meisten an Dominic Thiem imponiert? Wie er den Schalter zwischen den US Open und den French Open umgelegt hat. So als wäre in den vergangenen Wochen nichts Außergwöhnliches passiert. So als wäre alles wie immer. Ist es aber nicht. Ganz und gar nicht.

Mit der Erfüllung seines Lebenstraumes, mit dem Gewinn der US Open, ist der 27-Jährige endgültig in der Riege der Superstars angekommen. Natürlich reiste er nicht zum ersten Mal als Mitfavorit nach Paris an, aber nie stand er von Turnierbeginn an mehr im Fokus als heuer. Das geht gewöhnlich nicht spurlos an einem vorbei. Dazu blieb in den zwei Wochen zwischen New York und Paris so gut wie keine Zeit, das Erlebte zu fassen, geschweige denn zu genießen. Dazu die Umstellung von Hartplatz auf Sand und das Abtauchen in die nächste „Blase“, also ein Leben zwischen Hotel und Tennisanlage abseits des öffentlichen Lebens.

Ein mentaler Kraftakt. Umso beeindruckender ist, dass Dominic seit dem ersten Ballwechsel hier voll da ist. Im Stile eines Champions packt er in brenzligen Situationen seine besten Schläge aus und die Statistik spricht Bände. Drei Siege, 9:0 Sätze. Besser geht’s kaum.   

Zeit als größte Gegnerin

Seit der Geburt ihrer Tochter Olympia im Jahr 2017 stand Serena Williams viermal in einem Grand-Slam-Finale – und verpasste ebenso oft den Titel und damit die Egalisierung des Allzeit­rekords der Australierin Margaret Court. Und mit jedem Jahr schwindet die Chance, die „Mission 24“ doch noch zu realisieren.

Denn mit 39 Jahren spricht die Zeit ganz einfach gegen einen. Der Körper baut langsam, aber sicher ab, braucht mehr Zeit für Regeneration und ist anfälliger für Verletzungen.

Doch selbst wenn Serena an der magischen 24 scheitern sollte, ist sie für mich die beste Spielerin aller Zeiten. Aus. Fertig. Basta.

Mir ist klar, dass es schwierig – vielleicht sogar unfair – ist, verschiedene Epochen zu vergleichen, aber der Aufstieg des jungen afroamerikanischen Talents aus ärmsten Verhältnissen zur bestverdienenden Sportlerin ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Jahrelang lebte Seren­a wie keine Zweite den Tennissport, war nahezu unschlagbar und entfernte sich zusehends vom Rest. In vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt als Mama ist sie weicher, zugänglicher geworden. Tennis ist nicht mehr alles in ihrem Leben. Das weiß freilich auch die Gegnerschaft.   

Wahnsinn, der blanke Wahnsinn

Was wird da im Vorfeld eines Grand-Slam-Finales nicht alles diskutiert und faktisch wie prophetisch in die Waagschale geworfen: Wie sieht der direkte Vergleich aus? Wer hat im Turnierverlauf mehr überzeugt? Wer verfügt über die bessere Physis? Und dann spielen Dominic Thiem und Alexander Zverev ein Endspiel, das sich schleichend zu einer nicht für möglich gehaltenen Nervenpartie hochschaukelt.

Wie hatte Boris Becker im fünften Satz nach der 5:3-Führung von Zverev und Aufschlag des Deutschen so trefflich gemeint: Es werden die vier schwierigsten Punkte seines Lebens! Der Rest war ein Offenbarungseid des Finaldebütanten. Der lange Zeit so überzeugend aufschlagende Zverev wusste nicht mehr, wie er den Ball ins Feld kriegt. Wahnsinn, der blanke Wahnsinn.

Dazu das Tiebreak-Drama mit dem körperlich schwer angezählten Thiem. Das hatte alles nicht mehr viel mit Tennis zu tun – das war einfach nur noch ein unkontrollierter Ritt auf der Rasierklinge. Mit dem besseren Ende für Dominic. Dieser Erfolg ist ein Meilenstein für den österreichischen Sport, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Wahnsinn eben.   

Kopf als einziges Fragezeichen

Was ich schon im Viertelfinale gegen Alex De Minaur gesagt habe, trifft auf das heutige Finale gegen Alexander Zverev genauso zu: Dominic kann sich nur selbst schlagen. Selbst das Fragezeichen, ob er dem Druck standhält, wird für mich immer kleiner, zu souverän ist er seit der Disqualifikation von Top-Favorit Novak Djokovic durchs Turnier marschiert. Und wie er im Halbfinale in den beiden Tiebreaks die Nerven bewahrt und die Big Points für sich entschieden hat, war schlichtweg überragend.

Dass Dominic im direkten Vergleich mit 7:2 führt, kommt auch nicht von ungefähr. Der Niederösterreicher verfügt über mehr Waffen, kann schneller spielen und bringt auch mehr Erfahrung mit. Das Allerwichtigste ist aber, dass er zu hundert Prozent an sich und seinen ersten Grand-Slam-Titel glaubt.

Ich werde dieser Tage oft gefragt, ob es der beste Thiem aller Zeiten ist. Die Antwort ist ganz klar: Ja. Nicht zuletzt durch die Loslösung von Langzeitcoach Günter Bresnik, dem Dominic wahnsinnig viel zu verdanken hat, ist er noch erwachsener geworden. Er hat sich in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt und entscheidet in der neuen Team-Konstellation viel mehr selbst. Diese Präsenz und das gewachsene Selbstverständnis spiegeln sich auch auf dem Platz wider.   

Thiem gegen Zverev, das wär’s

Da sind es also nur noch vier (Herren): Thiem, Medwedew, Zverev und Carreño Busta. Und ganz ohne Blick durch die rot-weiß-rote Brille: Nicht nur für mich ist Dominic der kompletteste Spieler in diesem erlauchten Kreis. Keiner spielt schneller, keiner schlägt besser auf und keiner ist fitter. Und wie er bislang nach der Achtel­final-Disqualifikation von Novak Djokovic mit der plötzlichen Rolle des Top-Favoriten umgegangen ist, Hut ab. Und doch ist die vorletzte Hürde Daniil Medwedew für mich die größte.

Was den um drei Jahre jüngeren Russen so gefährlich macht? Er spielt anders als alle anderen. Der knapp zwei Meter große Schlacks wirkt oft unscheinbar, spielt gerne mit dem Tempo des Gegenübers und wechselt seinerseits mit der Vorhand wiederholt das Tempo. Dazu hat er wie einst Miloslav Mecir eine extrem gerade und flache Rückhand mit wenig Spin, die er sehr gezielt einzusetzen weiß.

Entscheidend wird sein, dass Dominic aggressiv bleibt und sich nicht vom zuweilen unorthodoxen Spiel des letztjährigen Finalisten einlullen lässt. Mein Finaltipp? Thiem gegen Zverev. Das Duell zweier Freunde. Wie geil wäre das ...

Thiem kann sich nur selbst schlagen

Nach der aufsehenerregenden und allerorten diskutierten Disqualifikation von Novak Djokovic ist Dominik Thiem – quasi mit einem Schlag – der Top-Favorit bei den US Open. Auch bei den Buchmachern. Was dies in einem Athleten auslöst, darf nicht unterschätzt werden. Der Unterschied zwischen gewinnen können, gewinnen sollen oder gar gewinnen müssen könnte größer kaum sein.

Auf die Frage, wie Österreichs Ausnahmespieler mit dieser neuen Rolle klarkommt, gab er im Achtelfinale gegen den kanadischen Jungstar Felix Auger-Aliassime eine erste, vielversprechende Antwort. Nach anfänglicher Nervosität und hart umkämpftem Auftaktsatz war Thiem in der Folge ganz klar Chef am Platz – die Sätze zwei und drei waren schlichtweg Weltklasse. Im anstehenden Viertelfinale gegen den jungen Australier Alex de Minaur kann sich Dominic nur selbst schlagen.

Er ist, was das Spielerische betrifft, seinem Gegenüber in allen Belangen überlegen. De Minaur fehlen hingegen die notwendigen „Waffen“. Was mich ganz generell positiv stimmt, ist die Tatsache, dass Dominic von Match zu Match stärker geworden ist und immer besser in dieses so außergewöhnliche Turnier gefunden hat. Und auch die Momente, in denen er mit seinem Spiel hadert, werden immer weniger. Eine stete Aufwärtsentwicklung.   

Einfach blöd gelaufen

Sooft wir uns hier in unserem Eurosport-Studio in London den Aussetzer von Novak Djokovi­c angesehen und welche Kameraperspektive wir auch gewählt haben – schon im ersten Live-Moment war mir klar, dass Novak aus dieser Nummer nicht mehr herauskommt. Und ihm dürfte es wohl nicht wirklich anders ergangen sein, auch wenn er noch minutenlang mit den beiden Supervisors diskutierte, um vielleicht doch noch zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Zu eindeutig ist das Regulativ. Eigentlich hätte er schon Minuten zuvor verwarnt werden müssen, als er einen Ball in die Seitenbande pfefferte. Den Rest würde ich mit „einfach blöd gelaufen“ umschreiben. Novak irgendeine Absicht zu unterstellen, ist töricht. Fakt ist aber, dass er immer wieder zu Entgleisungen neigt, wenn es nicht nach seinen Wünschen läuft. Hätte sein Ball fünf Zentimeter weiter links oder rechts eingeschlagen, wäre nicht viel passiert und der zuletzt so oft ins Kreuzfeuer geratene Serbe wäre wohl mit einer Verwarnung davongekommen. So aber musste der topgesetzte Supersta­r, der dreifache US-Open-Champion, kleinlaut die Bühne, seine Bühn­e, räumen.

Ich bin gespannt, ob er – wie angekündig­t – die richtigen Lehren daraus zieht. Und auch allen anderen wurde vor Augen geführt, was passieren kann, wenn man die Kontrolle verliert – und sei es für einen Augenblick.   

US Open drohte der Bankrott

Ich kann die Kritik von Kristina Mladenovic an der „Bubble“ schon etwas nachvollziehen. Für sie, die so gerne abends ins Kino und essen geht, ist es, wie sie sagt, wohl wirklich ein „Albtraum“. Zumal die Französin mit dem positiv auf Covid-19 getesteten Benoît Paire Kontakt hatte und somit außer zum Training nicht einmal mehr ihr Hotelzimmer verlassen durfte. Manche Charaktere zerbrechen daran, anderen wie der Deutschen Angelique Kerber oder dem US-Spieler Taylor Fritz taugt das. Die blühen auf. 

Aber bei aller Kritik sollten die Spieler lieber froh sein, dass überhaupt gespielt wird. Es geht hier um den eigenen Job und um die Zukunft des Sports. Da wird man das die paar Tage und Wochen auch aushalten können. Veranstalter USTA macht einen ausgezeichneten Job. Was viele vergessen: wie schwierig es ist, in der Corona-Zeit ein Turnier zu organisieren, weil Tennis so ein globaler Sport ist. Dabei durfte man nichts unversucht lassen, den US Open drohte ja ebenso wie den French Open der Bankrott. Wimbledon ist das einzige Grand Slam, das gegen eine Pandemie versichert ist, die anderen müssen voll draufzahlen. Auch die Australian Open 2021.

Klar fehlt den US Open die Atmosphäre. Aber ich freue mich viel mehr, wieder Tennis zu sehen. Darauf sollten sich die Spieler lieber besinnen, als jetzt zu kritisieren. 

Es geht um einen guten Start

Dominic Thiems glatte Erstrunden-Niederlage in New York kam einem echten Rückschlag vor den US Open gleich. Der Niederösterreicher hatte in der Corona-Pause mit über 20 Partien wohl die meisten Exhibitions im Zirkus bestritten, aber ein richtiges Turnier-Match ist halt dann doch etwas anderes. Der heutigen ersten Runde der US Open gegen Jaume Munar (ESP) kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Ein guter Anfang wäre für Thiem, der am Donnerstag seinen 27. Geburtstag feiert, von großer Wichtigkeit.

Den Serben Novak Djokovic bewegt derzeit indes nicht nur das Tennisspiel an sich. Bekanntlich spaltet die Nummer eins der Welt das Profi-Lager mit einer eigenen Vereinigung – etwas, das ich nicht verstehen kann. Gerade jetzt ginge es darum, zusammenzuhalten.

Aus den Reihen der Damen lautet die große Frage: Kann Serena Williams (38) endlich ihren 24. Grand-Slam-Titel feiern und damit die Australierin Margaret Court (78) überholen? Schon allein aufgrund der Aussagen Courts bei den Australian Open (die Rekordsiegerin sprach sie gegen gleichgeschlechtliche Ehen aus, Anm.) wäre es Serena zu vergönnen. Aber für mich bleibt ein ungutes Gefühl zurück: Ich bin mir nicht sicher, ob die US-Amerikanerin das stemmt.

Corona bleibt eine Herausforderung für den Tennis-Zirkus. Ein Detail: Die Spieler dürfen in den Umkleideräumen nicht einmal Kästchen benützen. Und auch für Journalisten ist es spannend:

Nur der Sender ESPN darf mit seinen 600 Leuten aufs Gelände. Andere müssen von außerhalb kommentieren – so wie ich: Mit meinem Sender Eurosport begleiten wir die US Open 2020 in New York von London aus ...

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