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Tennis-Expertin Barbara Schett.

Tennis-Kolumne

Spielball Schett-Eagle

Die Innsbruckerin Barbara Schett-Eagle, ehemals Nummer sieben der Welt, berichtet für die TT vom aktuellen Tennis-Geschehen und analysiert die Jagd nach dem gelben Filzball auf und abseits des Center Courts.

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Bilder gehen in die Welt hinaus

Es freut mich unglaublich, dass Innsbruck Teil des Davis-Cup-Finalturniers wird. Ich hätte mir nie gedacht, dass sich Tirol tatsächlich bewirbt, steht doch der Wintersport bei uns im Vordergrund. Aber jetzt kommen wohl Dominic Thiem, Alexander Zverev und Novak Djoković nach Innsbruck, das ist Weltklasse. Ich werde in dieser Zeit in Tirol sein und kann es kaum erwarten, alles live mitzuverfolgen. Nach dem letzten Davis Cup in der Olympiahalle 2007 (4:1 gegen Brasilien) wird es auch Zeit, dass wieder mal ein Tennis-Spektakel in Innsbruck stattfindet.

Wenn dann auch noch viele Zuschauer im Stadion sind, kommt sicher eine richtig gute Stimmung auf. 

Tennis ist in Österreich durch die Erfolge von Dominic Thiem wieder viel populärer geworden, die Leute freuen sich auf Live-Sport. Wann sonst sieht man schon solche Kaliber in Innsbruck aufschlagen? Gerade für die Stadt und das Land ist das eine Riesenchance, denn die Bilder gehen in die Welt hinaus. Ich hoffe, dass ich eingebunden werde, und freue mich auf die Heimat. Die viele Quarantäne in Australien durchs Reisen hatte wenigstens etwas Gutes: Ich habe meine Autobiographie geschrieben, sie wird wohl im August erscheinen.

Djokovic wird Federer und Nadal noch überflügeln

Keine Frage: Novak Djokovic polarisiert. Aber das ist auch gut so. Wer will schon eine Tennis-Tour voller Langweiler? Was der Serbe sportlich beim Australian-Open-Finale abgeliefert hat, war mehr als beeindruckend. Und ich gehe sogar noch etwas weiter und sage: Er wird noch vor Roger Federer und Rafael Nadal in puncto Grand Slams landen. Die „20“ des Duos wird die Nummer eins der Welt noch überflügeln.

Dass „Nole“ immer wieder ins Visier der Kritik kommt, hat er schon bemerkt: „Ich kann nichts richtig machen“, sagte er uns gestern im Studio nach dem Finalsieg. Man hat sich da, oft auch ungerechtfertigt, auf ihn eingeschossen.

Was die weitere Tennis-Saison betrifft, wird es schwer, irgendwelche Prognosen abzugeben. Der weiße Sport ist zu international und mit all den Einschränkungen, die in jedem Land anders sind, wird es nicht einfach, Turniere durchzuführen. Das trifft aber weniger die Grand Slams, mehr die kleinen Turniere. Wimbledon plant schon einmal mit 30 % Zuschauer-Belegung. Aber ob das hält?   

Osaka ist bereit für die Thronfolge

Seit Jahren wird gemutmaßt, wer auf lange Sicht die Nachfolge von Serena Williams als große Dominatorin des Tennissports antreten kann. Mehr denn je schlägt das Pendel Richtung Naomi Osaka aus. Auf dem Platz ist die 23-Jährige kaum in Bedrängnis zu bringen. Abseits davon erhebt sie als bestbezahlte Frau im Sport ihre Stimme, nutzt ihren Stand und ihre mediale Präsenz für politisches und soziales Engagement, wie etwa dem Kampf gegen Rassismus.

Es zeigt, dass sich Osaka nicht nur auf den Tennissport konzentriert, sondern sich auch sonst über das, was in der Welt vorgeht, Gedanken macht. Ihre Aussagen sind authentisch, auch weil sie – die Mutter ist Japanerin, der Vater aus Haiti – dahingehend selbst einiges schon erlebt hat. Osaka sticht deshalb aus den vielen Siegerinnen der letzten Jahre im Damentennis heraus. In Interviews kann es passieren, dass sie mit nur einem Wort antwortet und danach dann wieder einen coolen Spruch auf Lager hat.

Löst Djokovic den gordischen Knoten Medwedew?

 Auf der einen Seite Novak Djokovic. Die Nummer eins der Welt. Der Titelverteidiger. Der achtfache Australien-Open-Champion. Der nahezu Unbesiegbare in Melbourne. Auf der anderen Seite Daniil Medwedew. Die neue Nummer zwei der Welt. Der erstmalige Australian-Open-Finalist. Der Mann, der seit 21 Matches ungeschlagen ist und dabei zwölfmal gegen Top-Ten-Spieler die Oberhand behielt.

Für mich ist das sonntägige Finale das Duell des besten Hartplatzspielers der Geschichte gegen den gegenwärtig Besten. Und auch wenn der 33-jährige Djokovic die Wachablöse noch nicht kommen sieht und er quasi in seinem Wohnzimmer den Gastgeber gibt, ich glaube, das Pendel schlägt diesmal zugunsten des 25-jährigen Schlakses aus Moskau aus.

Mein Kommentatorenkollege Mats Wilander sieht es übrigens auch so. Was uns auf Sieg Medwedew setzen lässt: zum einen seine Traumform, zum anderen sein derart unorthodoxes Spiel. Seine Schläge zu lesen, gleicht einem gordischen Knoten. Unheimlich schwierig, gegen den Russen einen Rhythmus zu bekommen. Und Novak hat definitiv nicht das Spiel, Medwedew wegzuschießen.

Das Schönste an der ganzen Sache ist, dass das Endspiel vor gut gefüllten Rängen in Szene gehen kann. Das haben sich die Spieler, aber auch alle Fans verdient. Also einschalten, es wird ein Finale der großen Emotionen. So viel ist sicher.   

War’s das jetzt für Serena Williams?

Auch uns im Euro­sport-Studio in London erging es nicht anders als den – doch wieder zugelassenen – 9661 Fans im Melbourne Park oder den Millionen vor den Bildschirmen: Als Serena Williams beim Verlassen des Center Courts noch einmal innehielt, die Hand aufs Herz legte und dem Publikum zuwinkte, kam die Frage unweigerlich hoch: „War’s das jetzt?“

Hat die erfolgreichste Dame der Tennisgeschichte ihr letztes Melbourne-Kapitel geschrieben? Weiß die inzwischen 39-Jährige etwas, was wir nicht wissen? Beziehungsweise beginnt die Mama einer dreijährigen Tochter zu spüren, dass es bei ihren finalen Schritten zum vielleicht letzten Karrieretraum nicht mehr ganz reichen könnte?

Auch wenn Serena nun seit 2018 zum elften Mal mit ihrer Mission gescheitert ist, die 24 Grand-Slam-Triumphe der Australierin Margaret Court zu egalisieren, ist sie für mich die Beste aller Zeiten. 78 Turniererfolge auf der WTA-Tour, 319 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, Olympiasiegerin 2012 und zu ihren 23-Grand-Slam-Titeln im Einzel noch weitere 14 im Doppel. Unfassbar. 

Dass Williams weit über den Tennissport hinaus als eine der größten Athletinnen in die Annalen eingehen wird, unterstrich auch die gestrige Aussage von Novak Djokovic. „Ich bin stolz und fühle mich geehrt, zur gleichen Zeit wie sie zu spielen. Ihre Größe zu erleben, ist faszinierend.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Vor Australian Open gibt es Riesenaufruhr

Die Australian Open sorgen derzeit für einen großen Zwiespalt in Down Under. Viele Einheimische reagieren sehr verärgert auf die Tatsache, dass sich die Tennis-Spieler nach ihrer Einreise über ihre momentane Situation beschweren. Über 70 Spieler müssen ja zwei Wochen in Quarantäne verbringen, weil auf ihrem Flug Leute waren, die positiv getestet wurden. Dabei vergessen die betroffenen Akteure, dass es de facto ein Einreiseverbot gibt und noch gut 30.000 Australier in Europa festsitzen, die nicht nach Hause können. Das sind Menschen, die ihre Familie sehen wollen. Und wenn die dann lesen müssen, dass sich die Spieler aufregen, sorgt das für einen Riesenaufruhr. Man darf nicht vergessen, dass der Lockdown in Australien viel härter ist als jener wie etwa in Österreich. So was wie Skifahren wäre hier bei uns undenkbar.

Rein sportlich gesehen sollten meiner Meinung nach alle Spieler die gleichen Chancen erhalten. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die Spieler, die in Quarantäne sitzen, können nichts machen und haben oft nicht einmal ein Fenster, das sie öffnen können. Wenn du zwei Wochen nicht Tennis spielen kannst, ist das ein Wahnsinn. Die gesetzten Spieler haben meistens eine Suite und eigene Küche. Und die Top drei, unter denen auch Dominic Thiem ist, haben es in Adelaide sowieso am feinsten. Die können fünf Stunden am Tag trainieren, sind in Appartements untergebracht. Denen geht es im Vergleich sehr gut.

Das macht einen Riesenunterschied. Aber ich verstehe auch den Turnierdirektor der Australian Open. Er hat einen irrsinnig großen Druck, weil das Turnier einen Vertrag mit den TV-Stationen hat. Sie müssen viel zahlen, wenn ein Topspieler fehlt. Deshalb wird alles getan, damit es denen so gut wie möglich geht und keiner erkrankt. Nur so kann das Turnier auch stattfinden, hinter dem die Regierung vollauf steht. Man muss bedenken: Der australische Verband hat 40 Millionen australische Dollar (ca. 26 Mio. Euro) investiert, auch um die Leute mit 17 Privat-Jets herzubringen. Tennis Australia musste einen Kredit aufnehmen und braucht fünf Jahre, um das abzuzahlen. Da wird ein riesiger Aufwand betrieben und man lehnt sich weit aus dem Fenster. Das ist vielen Spielern nicht bewusst, und das ist das Ärgerliche.   

Der Anfang von etwas Großem

Dass sich Iga Swiatek bei den French Open ihren ersten Turniersieg abseits der Future-Turniere holte, verdeutlicht die Dimensionen des Erreichten. Das war auch bei meinem Moderatoren-Kollegen Mats Wilander der Fall. Beeindruckend daran ist vor allem, wie souverän die Polin mit erst 19 Jahren im Finale spielte. Sie zeigte keine Nervosität und war taktisch wie spielerisch Weltklasse. Es ist eine absolute Sensation, die Swiatek da gelungen war. Auch wenn sie in den Monaten zuvor schon sehr stark gespielt hat – das war so nicht absehbar und damit hat auch niemand im Vorfeld gerechnet.

Und ich glaube, dass das der Anfang von etwas Großem sein wird. Sie hat das spielerische Rüstwerk und besitzt zugleich keine wirkliche Schwäche. Ich bin mir daher sicher, dass wir in Zukunft noch viel von ihr hören werden. Die Frage wird nur sein, wie sie diesen Titel bei den French Open mental verarbeitet. Das ist gerade mit 19 Jahren schwierig.

Gespannt bin ich auf das heutige Herren-Finale zwischen Rafael Nadal und Novak Djokovic. Auch wenn Novak im letzten Grand-Slam-Finale 2019 überlegen war, glaube ich doch, dass er in Paris zu viele Probleme haben wird. Rafa fühlt sich hier am wohlsten und weiß, dass er hier zwölfmal gewonnen hat – deshalb tippe ich auch auf Nadal.

Dominic Thiem, Mentalitätsmonster

Was mir am meisten an Dominic Thiem imponiert? Wie er den Schalter zwischen den US Open und den French Open umgelegt hat. So als wäre in den vergangenen Wochen nichts Außergwöhnliches passiert. So als wäre alles wie immer. Ist es aber nicht. Ganz und gar nicht.

Mit der Erfüllung seines Lebenstraumes, mit dem Gewinn der US Open, ist der 27-Jährige endgültig in der Riege der Superstars angekommen. Natürlich reiste er nicht zum ersten Mal als Mitfavorit nach Paris an, aber nie stand er von Turnierbeginn an mehr im Fokus als heuer. Das geht gewöhnlich nicht spurlos an einem vorbei. Dazu blieb in den zwei Wochen zwischen New York und Paris so gut wie keine Zeit, das Erlebte zu fassen, geschweige denn zu genießen. Dazu die Umstellung von Hartplatz auf Sand und das Abtauchen in die nächste „Blase“, also ein Leben zwischen Hotel und Tennisanlage abseits des öffentlichen Lebens.

Ein mentaler Kraftakt. Umso beeindruckender ist, dass Dominic seit dem ersten Ballwechsel hier voll da ist. Im Stile eines Champions packt er in brenzligen Situationen seine besten Schläge aus und die Statistik spricht Bände. Drei Siege, 9:0 Sätze. Besser geht’s kaum.   

Zeit als größte Gegnerin

Seit der Geburt ihrer Tochter Olympia im Jahr 2017 stand Serena Williams viermal in einem Grand-Slam-Finale – und verpasste ebenso oft den Titel und damit die Egalisierung des Allzeit­rekords der Australierin Margaret Court. Und mit jedem Jahr schwindet die Chance, die „Mission 24“ doch noch zu realisieren.

Denn mit 39 Jahren spricht die Zeit ganz einfach gegen einen. Der Körper baut langsam, aber sicher ab, braucht mehr Zeit für Regeneration und ist anfälliger für Verletzungen.

Doch selbst wenn Serena an der magischen 24 scheitern sollte, ist sie für mich die beste Spielerin aller Zeiten. Aus. Fertig. Basta.

Mir ist klar, dass es schwierig – vielleicht sogar unfair – ist, verschiedene Epochen zu vergleichen, aber der Aufstieg des jungen afroamerikanischen Talents aus ärmsten Verhältnissen zur bestverdienenden Sportlerin ist der Stoff, aus dem Träume gemacht sind. Jahrelang lebte Seren­a wie keine Zweite den Tennissport, war nahezu unschlagbar und entfernte sich zusehends vom Rest. In vielerlei Hinsicht. Nicht zuletzt als Mama ist sie weicher, zugänglicher geworden. Tennis ist nicht mehr alles in ihrem Leben. Das weiß freilich auch die Gegnerschaft.   

Wahnsinn, der blanke Wahnsinn

Was wird da im Vorfeld eines Grand-Slam-Finales nicht alles diskutiert und faktisch wie prophetisch in die Waagschale geworfen: Wie sieht der direkte Vergleich aus? Wer hat im Turnierverlauf mehr überzeugt? Wer verfügt über die bessere Physis? Und dann spielen Dominic Thiem und Alexander Zverev ein Endspiel, das sich schleichend zu einer nicht für möglich gehaltenen Nervenpartie hochschaukelt.

Wie hatte Boris Becker im fünften Satz nach der 5:3-Führung von Zverev und Aufschlag des Deutschen so trefflich gemeint: Es werden die vier schwierigsten Punkte seines Lebens! Der Rest war ein Offenbarungseid des Finaldebütanten. Der lange Zeit so überzeugend aufschlagende Zverev wusste nicht mehr, wie er den Ball ins Feld kriegt. Wahnsinn, der blanke Wahnsinn.

Dazu das Tiebreak-Drama mit dem körperlich schwer angezählten Thiem. Das hatte alles nicht mehr viel mit Tennis zu tun – das war einfach nur noch ein unkontrollierter Ritt auf der Rasierklinge. Mit dem besseren Ende für Dominic. Dieser Erfolg ist ein Meilenstein für den österreichischen Sport, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Wahnsinn eben.   

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