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Toni Innauer.

Innauer-Kolumne

Adler-Perspektive von Toni Innauer

Toni Innauer, Skisprung-Olympiasieger und -Weltmeister 1980, ist Buchautor und Vortragender. In seiner monatlichen Kolumne in der Tiroler Tageszeitung macht er sich Gedanken über das aktuelle Sportgeschehen.

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Über die Magie des Publikums

Die Magie des Publikums ist Ihrem Autor als Sportler, Trainer und Lehrer, als Vortragender und seit sechs Jahren als Mitveranstalter von Kammermusik-Konzerten im Stift Stams bestens bekannt. Er ist u. a. vor 80.000 seinerzeit noch fachkundigen norwegischen Fans am Holmenkollen Letzter geworden und hat vor 60.000 am Bergisel eine olympische Goldmedaille verspielt. Unvergessliche Erlebnisse – wie als einer mitten unter den Fans beim 80er-Eishockey-Klassiker USA gegen UdSSR – stehen neben der exklusiven Erfahrung in Lillehammer 1994, am späten Abend vor dem 50-km-Langlauf von 10.000 wild campierenden „Wikingern“ lauthals über der Original-Rennstrecke gepusht zu werden ...

Es sind die Zuseher, die öffentliche Darbietungen und Leistungen erst zum vollen Glanz bringen und adeln. Ohne Publikum und unter Wegfall der vielfältigen, oft ganz subtilen, aber umso wirkungsvolleren Wechselwirkungen zwischen Zusehern und Akteuren fehlt der große emotionale Zauber.

Erfahrene Profis, egal aus welchem Genre, bleiben ohne Publikum oft unter ihrem Top-Niveau.

Dem Routinier fehlt jener spezielle Kitzel, der einen unerfahrenen „Trainingsweltmeister“ noch aus der Bahn wirft.

Der talentierte Frischling muss erst lernen, mit den aufputschenden Botenstoffen des Lampenfiebers umzugehen, und zahlt einiges an Lehrgeld, bis er zum reifen Publikumsspieler wird.

Ohne die eigenen Fans im Rücken gibt es keinen wirklichen Heimvorteil, andererseits aber doch Spezialisten, die speziell bei feindlich gegen sich gestimmten Fans unbeirrt in die persönlich optimale Leistungszone finden.

Der unlängst auf ORF Sport plus wiederholte Daviscup-Halbfinal-Schlager zwischen Horst Skoff und Michael Chang (1990) war ein Paradebeispiel dieses Phänomens. Der 18-jährige Amerikaner ließ sich weder von einem Zwei-Satz-Rückstand noch vom extrem patriotischen Publikum im Ernst-Happel-Stadion aus seiner Konzentration bringen und sicherte den USA im fünften Satz den Aufstieg ins Finale.

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie schal selbst hochkarätige Spiele ohne die kultische Begeisterung und tief empfundene Verzweiflung echter Anhänger rüberkommen und wie schnell die professionell gespielte Aufgeregtheit der Medienprofis im sterilen publikumsfreien Raum gekünstelt wirken kann.

Hoffentlich erkennen manche Veranstalter mit Beendigung der Zuseher-Abstinenz, dass voll aufgedrehte Lautsprecher und „Ballermann’sche Publikumslenkung“ die äußerst erfreuliche Anwesenheit echter Menschen plump überdröhnen und einen Event-Einheitsbrei fabrizieren, der nach kreativeren und würdigeren Konzepten und Alternativen schreit.   

Gedankenlosigkeit, Ignoranz, Lobbying oder Ehrabschneidung?

Zur Sportgeschichtsschreibung in einem kleinen Land:

Vorauszuschicken ist, dass viele, so auch der Verfasser dieser Zeilen, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten etwas sensibler auf bestimmte Zeichen reagieren. Die Botschaften zwischen den Zeilen oder die ausgesparten Tatsachen haben eine Kraft. Dabei ginge es gerade jetzt darum, auch jenen Menschen Zuversicht zu vermitteln, die sich immer wieder ins Zeug gelegt haben, und sich damit in einem überschaubaren Rahmen, aber aus eigener Kraft zu helfen wussten. Jenen, die nicht bei jedem Problem nach Unterstützung und Förderung gebrüllt, sondern eigenverantwortlich Lösungen gesucht haben und das weiterhin so halten werden. Weil solche Typen tief drinnen daran glauben, dass Anstrengungsbereitschaft, Leistung und das Erlebnis, etwas aus eigener Kraft, gegen Widerstände und ohne Lobbyismus, geschafft zu haben, ein gutes Gefühl vermitteln. Eigenleistung nennt sich dieses jede Gesellschaft und Kultur befeuernde Prinzip.

Der Spitzensport kann diese Botschaft vermitteln. Das ist neben seinem Unterhaltungswert auch der Grund dafür, dass sich junge Menschen diesem abenteuerlichen Weg nach wie vor und trotz der vorhandenen Risiken mit Haut und Haar verschreiben. Nicht nur SportlerInnen, wir alle brauchen die aufbauenden Erzählungen von jenen, die Rückschläge verkraftet haben und schwierige Wege erfolgreich gegangen sind.

Skispringen und der nordische Sport haben über Jahrzehnte bis heute eine Menge an tollen Leistungen und Geschichten produziert. Aus dem Schigymnasium Stams an die – bis heute verteidigte – Weltklasse führte ein spannender Weg. Unvoreingenommene ÖsterreicherInnen sind deshalb begeistert, weil der kleine vernachlässigte Bruder des großen alpinen Rennsports auf einer immer wieder schiefgestellten Anerkennungsebene aus eigener Kraft bis auf Augenhöhe gekommen und geblieben ist.

Die ORF-Doku „Menschen & Mächte“ zu den 70er-Jahren hat Sportgrößen und Sportarten als prägende Elemente des Lebensgefühls dieser wunderbaren Zeit erhoben. Als Zeitzeuge muss ich sagen: Absolut zurecht! Allerdings fehlen meinen Freunden aus dem Springerlager und mir die Argumente für die Aussparung unserer gerade bei den Olympischen Heimspielen in Innsbruck noch erfolgreicheren Zunft. Immerhin war Olympiasieger Dr. Karl Schnabl mit einer weiteren Bronzemedaille 1976 der erfolgreichste rot-weiß-rote Olympionike.

Der Vollständigkeit halber erweitere ich den Blick auf die im Titel gestellte Frage mit der Tatsache, dass dasselbe Medium zum 40jährigen Jubiläum der Olympischen Spiele 1980 kürzlich einen 20-Minüter über die österreichischen Goldmedaillengewinner ausgestrahlt hat. Der Verfasser als einer der drei fand darin allerdings mit keinem Wort Erwähnung. Ist es nun peinlich als Betroffener – und in Ermangelung von Lobbyisten –, aktiv darauf hinzuweisen, oder, dass nationale Sportgeschichte auf wichtigen Sendeplätzen wiederholt umgeschrieben wird?   

Sog des Automatisierten ist unwiderstehlich

Im Sport spricht man vom Transfereffekt, wenn bereits eingeübte Abläufe einer Sportart das Erlernen einer anderen Disziplin aufgrund der Ähnlichkeit erleichtern. Eisläufer stellen sich beim Langlaufen in der Skating-Technik sofort geschickt an, gute Tennisspieler erzielen beim Squash erstaunlich schnell Fortschritte, Eishockey-Cracks treffen den Golfball meist auf Anhieb überraschend satt, Alpinskifahrer zeigen ein tolles Timing und Gleichgewicht beim Skispringen. Manches davon passiert, weil die Herausforderungen ähnlich strukturiert und hilfreiche Lösungs- und Steuerungsprozesse in unterschiedlicher Ausprägung schon in der Ursprungssportart geschärft und automatisiert wurden. Ganze Muskelschlingen und Wahrnehmungsschleifen sind schon bestens auf die zu erlernende Aufgabe vorbereitet und manches lässt sich spielerisch übertragen. Manche Transfers vollziehen sich ohne unser bewusstes Zutun, so wie ein Schlüssel eben ins Schloss passt, aber eben nicht alle.

Vor allem wenn es um Umstellungen von längst Gewohntem geht, passiert das Gegenteil: Das Hinüber-Retten von zarten neuen Erfahrungen, Entdeckungen und Abläufen muss bewusst und konsequent kultiviert und angestrebt werden. Sonst passiert nämlich genau gar nichts bzw. es bleibt alles beim Alten. Allzu leicht rutschen wir sofort wieder in breit getretene alte Gewohnheiten.

Der Sog des Automatisierten ist vor allem unter Druck fast unwiderstehlich. Wenn sich z. B. ein vom Tischtennis geprägter Quereinsteiger beim Tennis nicht für die Feinheiten öffnen kann, und stattdessen alles mit seinem Tennisgefühl lösen will, bleibt seine Entwicklung stecken.

Dürfen wir als Einzelne und als Gesellschaft, die sich über die langsam zurückkehrenden Freiheitsgrade freuen, auf positive Transfereffekte aus den gemachten Shutdown-Erfahrungen hoffen? Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Dankbarkeit für einfache Dinge, ein respektvollerer Bezug zur Natur und zum Gegenüber, gestiegene Loyalität ...? Es dürfte ähnlich sein wie im Sport: Manche Wirkungen werden tief drinnen eine Zeitlang nachschwingen, um dann zu verblassen. Wenn wir den Transfer nicht persönlich und ganz bewusst anstreben und konsequent zu neuen Gewohnheiten prägen wollen, dann hat uns die Dynamik des Alltags und des Gewohnten schnell wieder. So ist es mit den meisten guten Vorsätzen wie im Sport: Wenn sie nicht trainiert, bewusst eingeübt und stabil gemacht werden, dann bleibt wenig über und bald verblasst sogar die Erinnerung daran, was man ändern wollte.   

Veränderungen im Kleinen und Großen?

Nicht nur Gärten blühen allerorten prachtvoll auf, auch viele Menschen sind so fit „wie seit Jahren nicht mehr“. Üppige Zeitbudgets und gestaute Energie wurden kreativ und kontinuierlich für Sport genützt. Mehr Bewegung und Körperlichkeit stärken die Immunabwehr und liefern die wundersame Wiederentdeckung des Körpers als Träger der persönlichen Identität. Der große Sport allerdings, der ist gänzlich zum Erliegen gekommen.

Der Verzicht auf tägliche Live-Übertragungen auf allen Kanälen hat weniger Entzug und Entsetzen ausgelöst als erwartet. Die vermutlich größte Unterhaltungs-Orgel der Welt ist nicht lebensnotwendig, sondern bleibt die „wichtigste Nebensache“.

Ist es wirklich so, dass die Menschen momentan den Fußball, die Formel 1, die tagelangen Ski-Übertragungen im Sinne von „Brot und Spielen“ so dringend brauchen? Oder suchen wir die aufregend inszenierten Sporthighlights vielmehr dann, wenn wir auf der Flucht vor dem grauen Alltag und sinnleeren Phasen im Job sind?

Außerdem: Würde der Fußball mit Geisterspielen vor leeren Rängen seinen Sessel nicht allzu knapp neben jenen des boomenden E-Sports positionieren und sich damit sogar ein Eigentor schießen?

Eine Sache jedenfalls ist klar: Corona hat viele SportlerInnen vor Verletzungen geschützt und die Operationssäle verwaist! Allein der Ausfall der letzten Wettkampfwochen hat im Skirennsport mehr Kreuzbänder gerettet als all die halbherzigen Bemühungen im ganzen Jahr. Im Fußball dürfte es ganz ähnlich sein. Werden das weit offene Zeitfenster und die ungewöhnliche Distanz zum eigenen Tun genützt, um die unseligen Versäumnisse zu erkennen und endlich entschlossen dagegenzulenken?

Immer schon waren Verletzungspausen auch Nachdenkphasen. Aus der Selbstverständlichkeit der beruflichen Welt hinausgeschleudert, sehen Sportle­rInnen das Treiben im Zentrum aus dem Abstand der Umlaufbahn und aus radikal veränderter Perspektive. Gedanken an die Zeit nach der Karriere rücken ins Bild und manche starten mit Ausbildungen für danach. Weil die Zwangspause momentan alle betrifft, darf man gespannt sein, ob auch im Großen nicht nur über das „So schnell wie möglich zurück“, sondern über kluge Kurskorrekturen nachgedacht wurde.

Allein ein durch Corona erzwungenes Zurückschrauben des irrwitzigen sportlichen Wettrüstens im Trainings- und Materialbereich wäre ein Rückschritt nach vorne!

Knappere Budgets und Reiseeinschränkungen wirken erfahrungsgemäß unausweichlicher als Appelle an Vernunft, Fairness und Chancengleichheit. Wenn alle weniger Aufwand betreiben, gewinnt am Ende doch wieder der/die Beste!   

The times they are a changin’

Im Titelsong des gleichnamigen Albums „The times they are a changin’“ (übersetzt: Die Zeiten ändern sich) beschwört Bob Dylan 1964 einen fundamentalen Wandel der Gesellschaft herauf. Er fordert alle auf – ob Sänger, Schreiber, Senatoren und Abgeordnete, aber auch Eltern und Lehrer –, der losbrechenden Dynamik nicht im Weg zu stehen. Seither hat sich vieles verändert und mehrfach gedreht, auch im Sport und in der Bedeutung, die dem Spitzensport von der Gesellschaft beigemessen wird.

An welchen Schrauben wird Corona in Gesellschaft und Sport drehen? 

Festzuhalten ist: Der Sport verändert sich äußerst selten von innen heraus aus eigener Überzeugung und Kraft und mit Blick auf seine Grundwerte. Spitzensport war nicht nur im Nationalsozialismus ein Werkzeug, ein Spielball und willfähriger Gehilfe politischer Dynamiken und Verwerfungen. 

Dylan besang seinerzeit die geistig-ideologische Aufbruchsstimmung der 68er. Es dämmerte damals gerade eine radikale und weltweite Loslösung von alten, rigiden Denkmustern, der spektakuläre Bruch mit der Kriegsgeneration herauf.

Der Sport bekam in diesen Jahren von deutschen Sozialkritikern, u. a. von Jürgen Habermas, sein ideologisches Fett ab: Gerade eben war König Fußball noch als Vorbild für Tüchtigkeit und Willenskraft im Wiederaufbau gepriesen und im „Wunder von Bern“ (WM 1954) als identitätsstiftendes Ereignis gefeiert und modellhaft gepriesen worden ... schon wurde von der neuen Linken aus allen ideologischen Rohren auf das „Zwangssystem Leistungssport“ als „Paradebeispiel einer manipulierten und entfremdeten Arbeitswelt“ geschossen.

1976 reichten die Amerikaner die Olympischen Winterspiele als unverkäuflichen Ladenhüter weiter an das Internationale Olympische Komitee und Innsbruck erlebte die zweiten Heimspiele innerhalb kürzester Zeit. 

Zur Zeit des Kalten Krieges standen sich der kapitalistische Westen und der kommunistisch-sozialistische Osten auf allen Ebenen misstrauisch und feindselig gegenüber. In den Sportarenen prallte der Westen in einem Stellvertreterkrieg auf die politisch systematisch vereinnahmten und staatlich geförderten Sportsysteme Russlands und der DDR. Mit einer überraschend friedlichen Revolution setzten schließlich Glasnost, Perestroika, der Fall der Berliner Mauer und der Niedergang des Real-Kommunismus 1989 eine scheinbar endgültige Zäsur. Der Westen sah sich und vor allem seine Wirtschaftsauffassung als endgültige Sieger im Ideologiematch und verkündete „das Ende der Geschichte“. 

Es folgte der Durchmarsch des freien Wettbewerbs in sämtlichen Bereichen. Der konsumgetriebene Wachstumskapitalismus entwickelt religionshafte Züge und immunisierte sich seither sektenhaft gegen alle Bedenken. Alles was sich fragend in den Weg der siegestrunkenen neuen Gestalter stellt, wird reflexartig mit dem Verweis auf das klägliche wirtschaftliche Scheitern hinter dem „Eisernen Vorhang“ niedergebügelt. Im rücksichtslosen Wettbewerb sollen sich Egoismus und Vorteilsdenken wie durch Zauberhand wirtschaftlich segensreich für die Gemeinschaft auswirken. Der Geist ist unaufhaltsam aus der Flasche!

Auch im Sport waren raumgreifende Reformen mit einem Schlag möglich, zuvor waren sie vom Osten gnadenlos blockiert worden. Sogar Sportarten wie das Skispringen erhielten einen professio­nellen, kommerziell erfolgreichen Marktauftritt. 

Der spektakulär inszenierte Showsport wuchs im Osten wie im Westen und mit Hilfe kommerzialisierungsfreudiger olympischer Lenker wie Antonio Samaranch zu einem riesigen Wirtschaftsfaktor. Olympia wurde in kurzer Zeit eine der wertvollsten Marken der Welt und der Leistungssport wieder einmal zum vorbildlichen Erklärungsmodell. Diesmal beispielgebend für eine Ideologie von Globalisierung, Markt, Wachstum und vor allem Konkurrenz. Wer Bedenken aufkommen lässt, wird vom Mainstream als sozialromantischer Spielverderber abgestempelt. 

Dass die bewundernswertesten Leistungen – gerade im Spitzensport – von feinstgestrickten Kooperationen und gegenseitigem Vertrauen getragen werden, passt nicht ins Bild einer Ellbogengesellschaft!

 „Schneller, höher, stärker“ bezieht sich nun auf Umsatzsteigerungen, Einschaltquoten und Transfersummen. Auch und gerade im Sport, allen voran im Fußball, werfen Vereine, Konzerne, Oligarchen und Scheichs mit unmoralisch hohen Summen um sich. Vielen der anderen Sportarten entzieht der kommerzielle Sog des Königs Fußball den wirtschaftlichen Nährboden.

Es brauchte schon Corona, um den Blick auf „Absurdistan“ in Sport und Geschäftswelt zu schärfen. Man kann sogar erklären, warum Kicker oder Spekulanten bis vor Kurzem das Tausendfache einer Krankenschwester verdienten, anständig finden kann man es aber nicht.

Mit Corona steht die Welt vor einer gemeinsamen Herausforderung und hoffentlich auch vor einer Neubewertung und Transformation. Gerade noch war skrupellos narzisstisches Gebaren als Ausdruck von Durchsetzungsfähigkeit salonfähig, jetzt passt es nicht mehr.

Man erkennt, dass viele Kaiser nackt sind, auch in der Sportwelt. 

Vielen Menschen bricht das komplette Einkommen weg, Regierungen schnüren ein Rettungspaket nach dem anderen. Großclubs wie Barcelona überlegen eine Zwangskürzung. Andere Fußballprofis verzichten mit nobler Geste auf 20 Prozent ihrer Einnahmen. Auf diesem Niveau, das selbst Casino-Generaldirektoren oder Nationalbankpräsidenten blass aussehen lässt, ist das eine leichte Übung und überfällig. 

Trotzdem ist es ein vorbildhaftes Zeichen aus dem Sport, der deutsche Wirtschaftsminister nimmt sich ein Beispiel und erwartet Ähnliches von Topmanagern geförderter Konzerne! Jetzt ist die Zeit, über Solidarität, aber auch Systemrelevanz, Einkommensscheren, Wachstum, Regionalität und vieles mehr nachzudenken. Die Zeit ist reif, mit mehr Augenmaß als 1989 nachzujustieren.

Corona kann den gesunden Menschenverstand neu kalibrieren!

Plötzlich wird (nicht nur) Sport zur Nebensache

orgen am Holmenkollen, weiter nach Lillehammer, Trondheim und Vikersund: Bei der Raw-Air-Tour wird sich entscheiden, ob Stefan Kraft die große Kristallkugel ins ÖSV-Hauptquartier nach Innsbruck bringen wird. Im vermutlich letzten Amtsjahr des Langzeit-Präsidenten wird dieser Gesamtweltcupkristall im Fall der Fälle heller glänzen als in vielen fetten Hirscher-Jahren zuvor. 

Zeiten ändern sich vielschichtig: Früher hätte es in einem so schneearmen Winter auch im Skispringen Absagen gehagelt. Mit künstlichen, allwettertauglichen Anlaufspuren und Kunstschnee begegnete unser Sport den ersten Zeichen des Klimawandels. Dem größten Quälgeist, dem unberechenbaren Wind, wurde zunächst mit aufwändigen Netzen am Hang der Weg verstellt. Schließlich nahmen Messgeräte den nach wie vor unfairen Windspielen ihre „Unberechenbarkeit“. Mit der Wind- und Gate-Regel werden Unterschiede in Zahlen und Formeln verwandelt und am Computer gezähmt. Unter dem Strich und mithilfe der „grünen Linie“ für die optische Sollweite trotzt der Skisprungzirkus aktuell nahezu allen Widrigkeiten. Geringer Schneebedarf, ausgeklügelte Systeme, routinierte Veranstalter, futuristische Sportstätten, spannende Formate und tolle Leistungen der Springerinnen und Springer machten aus dem Nischensport ein Premium-Wintersportprodukt für Medien und Wirtschaft. 

Durch das Coronavirus erfährt die gewachsene Überzeugung totaler Kontrolle und ständigen Wachstums einen spürbaren Dämpfer. Nicht nur im Sport! 

All die unverrückbaren Termine, bedeutungsträchtig im digitalen Kalender prangend, umgibt neuerdings ein ungewohnt provisorischer Charakter. Ob privat oder beruflich, „nix mehr ist fix“. Wird sich der lange geplante Osterausflug ins südliche Nachbarland ausgehen oder nicht? Gibt es nach dem letzten Weltcupspringen in Vikersund noch eine spektakuläre Skiflug-WM in Planica? Wird der Kongress der FIS wie geplant im schneefernen Thailand abgehalten werden können? Oder wird das unsichtbare Virus einen Strich durch all die Planungen und Rechnungen machen? 

1982 wurde am Holmenkollen vor 100.000 „Zusehern“ eine WM entschieden. Der Nebel war der Spielverderber, nicht einmal die Sprungrichter konnten die Springer sehen. Für morgen wurde behördlich das „zweite Geisterspringen“, komplett ohne Publikum, angeordnet. 

Trotzdem dämmert uns, auch außerhalb der Sportszene, inmitten einer gerade noch hyperventilierenden Konsumgesellschaft, eine unerwartete und Mut machende menschliche Erfahrung: Wenn es wirklich sein muss, dann sind uns Einschränkungen zuzumuten!

Du musst KEIN Dreckskerl sein, um zu gewinnen!

    Winning ugly“ hieß der Bestseller von Brad Gilbert. Hartnäckig hält sich der Mythos vom rücksichtslosen Egomanen, von der „Krätzn“, dem Alphamännchen ohne Skrupel, das sich mit kantigen Ellbogen im Sport durchboxt. Immer wieder begegnet mir diese dumpfe Behauptung. Selbsternannte und anerkannte Experten gehen davon aus, dass es unter Konkurrenten gar nicht anders sein kann.

Leider nicht nur im Sport, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen. Die wohl einflussreichsten und auch gefährlichsten darunter sind Wirtschaft und Politik. Die erfolgreichen und fragwürdigen Vorbilder sind Legion. Dabei wäre es nicht so schwer für talentierte und engagierte Zeitgenossen, ein anders Bild abzuliefern.

Stammt der Spruch nun von VW-Boss Hans Dieter Pötsch oder Daimler-CEO Dieter Zetsche?: „Manchmal genügt es schon, wenn man kein Arschloch ist.“ Die Urheberschaft des Zitats liegt vermutlich bei keinem der beiden Industriekapitäne, sondern auf Beraterebene. Immerhin aber ein Ansatz und moralischer Minimalanspruch auf der obersten Führungsetage.

Ein Stehsatz zu Dominic Thiem war, dass er zu nett und zu wenig konfrontativ sei, um sein Potenzial wirklich auszuschöpfen. Wie großartig, dass er nichtsdestotrotz SEINEN erfolgreichen Weg geht. Das spricht nämlich nicht nur für den smarten Niederösterreicher, sondern auch für den Leistungssport an sich. Sportler können Sieger sein, auch wenn sie nicht ständig vordergründige Egozentrik und brutalen „Killerinstinkt“ demonstrieren. Auch feinere Wege, mit viel „G’spür“ für sich und Respekt für die Gegner, führen nach Paris und Rom.

Mindestens zwei Dinge erleichtern und unterstützen die Ausformung einer in diesem Sinne integren Leistungskultur enorm: 1. Wenn es erfolgreiche Vorbilder und Gentlemen wie z. B. Roger Federer gibt. 2. Wenn ein Sport kluge und nachvollziehbare Regeln aufweist und sie ständig weiter verfeinert. Die Einführung des Hawk-Eyes mit der Möglichkeit, Linienrichterentscheidungen zu „challengen“ ist eine segensreiche Einrichtung, die es den Kontrahenten erlaubt, sportlich zu bleiben, statt bei knappen und entscheidenden Bällen lügen und streiten zu müssen.

Dort, wo Regeln unscharf formuliert und schwer kontrollierbar sind, werden Verstöße als Kavaliersdelikte gesehen und werden zur giftigen Tradition. Das ist der Nährboden für Tricksereien vom Doping bis zum Sportbetrug. Individuen und Teams, die weniger innere moralische Skrupel haben, finden ungeniert ihre Vorteile, leider nicht nur im Sport.   

„Mensch ärgere dich nicht“ auf der Schanze

Daniel Kahneman, Nobelpreisträger für Wirtschaft, widmet dem Skispringen in seinem Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ einen ganzen Absatz (S223ff). Seiner Meinung nach liegen die Ursachen der im TV sichtbaren gro­ßen Leistungsschwankungen im Faktor Zufall. Deutlicher als dies vielen Experten und Zusehern bewusst und recht ist. „Das Glück is a Vogerl“, aber auch außergewöhnliches Pech wird nicht von Dauer sein, sondern wird sich bei mehreren Wiederholungen ausgleichen. Die mathematische Gesetzmäßigkeit dahinter nennt Kahneman „Regression zum Mittelwert“.

Den Absprung bei 25 Metern/Sekunde Geschwindigkeit pünktlich zu treffen, ist schon ein bisschen Glückssache. Noch deutlicher können stark wechselnde Windbedingungen einzelne Wettkämpfe zur regelrechten Lotterie verzerren. Die – für unterstützenden Aufwind und nachteiligen Rückenwind berechneten – Punkteausgleiche können die Chancen-Ungleichheit nur noch homöopathisch puffern. Extrem changierende äußere Bedingungen können tatsächlich größeren Einfluss auf das Resultat haben als die Unterschiede in der sportlichen Qualität der Sprünge.

Ein Gedankenexperiment dazu: Bei völliger Windstille werden die individuellen Anlauflängen von 1–6 ausgewürfelt: Wer eine Eins würfelt, der hat vergleichbares Pech wie der Springer, der mit dem stärksten gerade noch erlaubten Rückenwind „Grün“ bekommt. Beide könnten gleich im warmen Container bleiben, weil die Glücklicheren bis zu fünf Luken höher starten dürfen.

Ein paarmal pro Saison, zuletzt beim Auftakt in Polen der Fall, stehen Jury, Race-Direktor, Trainer, Sponsoren, Medien, Sportler und Zuseher unausweichlich vor dem Dilemma: Die Verhältnisse sind sicherheitstechnisch zwar noch beherrschbar, aber Auf- oder Rückenwind wechseln sich unberechenbar ab. Das ist zwar spannend, aber sportlich trotzdem irregulär: Absagen oder zumindest einen Durchgang durchdrücken ...? Meistens wird dann doch gesprungen.

Skisprungprofis und deren Trainer sind dabei voll gefordert: Und hinterher müssen sie unverdiente Niederlagen, genauso wie Glückstreffer an diesen Tagen, einordnen und aushalten können. Glückssieger bei Windlotterien erhalten als Draufgabe zu Preisgeld und Punkten gleich noch einen wertvollen Selbstvertrauensschub mitgeliefert. Die Pechvögel dagegen haben die mentalen Nacheffekte einer sportlichen Demütigung gut zu verarbeiten.

Das ist die notwendige Voraussetzung, um sportlich bereit zu sein, sobald (Kahneman lässt grüßen) eine Prise Aufwind den Sprung aufwerten wird. Wenn es gilt, die Gunst der Sekunden zu nützen!   

Ist E-Sport eh Sport?

Zweifellos gibt es Computer-Spielformen und Wettbewerbe am Bildschirm, deren virtuose Beherrschung Fertigkeiten verlangen, die mit Leistungen in der analogen Sportwelt vergleichbar sind. Begabung, Training und Nervenstärke spielen in beiden Bereichen eine wichtige Rolle. Ein großer Unterschied liegt in der Bedeutung und Komplexität der eingesetzten Hilfsmittel bzw. Sportgeräte und zweitens in der weitgehenden Abwesenheit von Gesamtkörpereinsatz im E-Sport. Die meisten Real-Sportarten, sogar Skispringen, halten den Einfluss der technischen Hilfsmittel möglichst gering. Dadurch erhalten die athletischen Fähigkeiten spielentscheidende Bedeutung. Aber selbst solche Argumentationslinien kommen mit Blick auf Motorsport, Modellflug und Schießsport ins zweifelnde Schlingern. Hinsichtlich Körpereinsatz steht die geistig hoch anspruchsvolle Sportart Schach im Abseits. Was als Sport gilt, wurde nie rein logisch-systematisch, manchmal vermutlich voreilig entschieden.

Rund um den E-Sport herrscht aktuell jedenfalls Goldgräberstimmung und aufgeregtes wirtschaftliches Interesse. Was klein und als Bittsteller um Anerkennung als Sportart und Hoffnung auf Zuwendungen aus konventionellen Fördertöpfen begann, muss sich an der anderen Frontlinie schon gegen die Begehrlichkeiten von Großsportverbänden rüsten. Die Claims werden abgesteckt.

Der Deutsche Olympische Sportbund hat dem E-Sport, nach intensiver Befassung mit dem Thema, die Anerkennung als Sportart knallhart versagt. Der Österreichische Skiverband wiederum hat – gewohnt pragmatisch – alle Berührungsängste hintangestellt und unverblümt Interesse und auch Anspruch auf die hoffentlich üppig sprudelnden Erträge angemeldet.

Persönlich sehe ich im Nebel der Sunrise-Phase rund um die (möglicherweise) kommerziell explodierenden Digitalwettkämpfe eine historische Chance für den klassischen Sport. Letzterer darf allerdings nicht nur darüber sinnieren, ob E-Sport wohl als „richtiger“ Sport durchgehen darf. Im spiegelnden Bildschirm könnte sich DER Sport selbst erkennen, sich seiner eigenen Wurzel, seiner Identität, quasi seiner DNA bewusst werden, und seine Überzeugungen darüber, was Sport war und zukünftig sein soll, nachschärfen!

Das könnte sehr wohl bedeuten, den E-Sport seiner eigenen digitalen Dynamik, Entwicklung und Ökonomisierung zu überlassen? Er wird es vermutlich auch ohne eine analog gewachsene Gouvernante schaffen.

Was, außer €s und Bitcoins, spricht eigentlich dagegen, zwei Welten zu akzeptieren, die sich zwar in manchem recht ähnlich sind, in ihrem Kern aber beide von einer sauberen Trennung profitieren könnten?   

Ist eine Diskusmedaille wertvoller als eine Skimedaille?

In einigen Wintersportarten tummeln sich seit der Etablierung der Mannschaftswettkämpfe viele Medaillengewinner. So positiv diese Wettkampfformate für den nationalen Medaillenspiegel, die Spannung vor dem Bildschirm zu bewerten sind, so sehr tragen sie auch zu einer schleichenden sportlichen Inflation bei.

Gängige Vermarktungspraktiken heben eilfertig Weltmeister und Olympia­sieger auf den höchsten Schild, ohne sauber zwischen Einzel- oder Teambewerben zu unterscheiden.

Beim entscheidenden sportlichen Schwierigkeitsgrad allerdings, wenn nach EINZEL-Medaillengewinnern gesucht wird, lichtet sich das Feld dramatisch, und übrig bleiben nur noch wenige. Bei der Leichtathletik-WM in Doha sind mit Lukas Weißhaidinger und Verena Preiner zwei weitere, wirklich Würdige dazugekommen.

Selbst wer halbwegs unvoreingenommen über die eigenen Skispitzen hinaus in die weite Sportwelt zu blicken vermag, hört es nicht so gern, wenn Skisport als Kräftemessen innerhalb einer verhältnismäßig kleinen Teilnehmergruppe bezeichnet und dort erzielte Erfolge als Weltklasseleistungen relativiert werden. Spitze Zungen sehen Skisport-Weltspiele als zentraleuropäische Meisterschaften mit skandinavischer Beteiligung, während in klassischen Sportarten wie Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Volleyball oder eben auch in der Leichtathletik praktisch die ganze Welt dagegenhält.

So gesehen müsste der erstmalige Gewinn einer Herren-LA-Einzelmedaille durch Weißhaidinger als größter österreichischer Sporterfolg seit den Olympia­siegen von Peter Seisenbacher, dem Tischtennis-WM-Titel von Werner Schlager und dem Nummer-1-Ranking von Thomas Muster gewürdigt und entsprechend gefeiert werden.

Der Erfolgsweg des 150-kg-Bröckerls mit seinem Trainer Gregor Högler verdient jedenfalls höchste Anerkennung für die beherzte Art und Weise, sich in einer von Ski und Fußball erdrückten Sportwelt zu behaupten. Danke für die, neben den Erfolgen anfallenden, wertvollen Beiträge zu einer feinen Spitzensportkultur abseits eines uniformen sportlichen Mainstreams!

Schmälert eigentlich die Tatsache, dass es weltweit doch verschwindend wenige Diskuswerfer oder Siebenkämpferinnen gibt, auch den Wert unserer neueste­n Medaillen?

Bestimmend über die Hochwertigkeit eines Leistungsvergleichs dürfte wohl eher sein, ob sich zumindest eine gute Handvoll der wichtigsten „Sportnationen“, wie Deutschland, Russland, USA, China ..., mit voller Infrastruktur und Ernsthaftigkeit an den Wettbewerben beteiligen. Dadurch wird, zumindest an der Spitze, dort, wo es um Einzel-Metall geht, die Luft in all diesen Sportarten ähnlich dünn.   

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