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Toni Innauer.

Innauer-Kolumne

Adler-Perspektive von Toni Innauer

Toni Innauer, Skisprung-Olympiasieger und -Weltmeister 1980, ist Buchautor und Vortragender. In seiner monatlichen Kolumne in der Tiroler Tageszeitung macht er sich Gedanken über das aktuelle Sportgeschehen.

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Viel sicherer, aber immer noch lebensgefährlich

Die geniale Erfindung des V-Stils durch Jan Bokloev hat Skifliegen sehr viel kontrollierbarer und sicherer gemacht, das Tor für Weiten über 200 Meter sperrangelweit geöffnet. Mit 100 km/h kann man heute über 250 m weit fliegen, im klassischen Stil waren noch 110 km/h für bescheidene 170 m nötig. Sprung- bzw. Skifehler, die seinerzeit noch fatale Auswirkungen hatten, regulieren sich im V-Stil wie von selber, weil die Latten gefahrlos neben dem Körper auspendeln können.

Nach der letzten Saison wurde auch auf die dramatische Häufung von schweren Knieverletzungen bei Frauen und Männern reagiert. Veränderungen im Materialreglement – Dicke und Symmetrie der Keile im Schuh betreffend – haben einen positiven Effekt. Ein erster Überblick zeigt einen deutlichen Rückgang der Kreuzbandrisse, zumindest in der obersten Leistungsregion. Im Zusammenspiel mit größerer Vorsicht bei der Wahl der Anlauflänge ist ein erfreulicher Trend feststellbar.

Aber aus heiterem Himmel erschütterte am Donnerstag der schwere Sturz des Ex-Skiflugweltmeisters Daniel Andre Tande die Sprungszene. Bilder eines, sich wild überschlagenden Thomas Morgenstern in Bad Mitterndorf oder der Sturz von Andi Goldberger 1992 in Harrachov sind plötzlich wieder präsent. Immer war, so auch aktuell beim Norweger-Coach Alex Stöckl, von einem eigentlich „sehr guten, energievollen Absprung“ die Rede. Und immer bleibt, selbst nach intensiven Analysen des Hergangs, das beklemmende Gefühl, die Ursache nicht restlos klären zu können.

Plötzlich erwischt es einen der Besten, noch dazu nach einem guten Absprung. Kleinigkeiten, die viele Male zuvor überhaupt keine dramatischen Auswirkungen hatten, wirken sich plötzlich und unumkehrbar verheerend aus. Ein gerade noch sicheres und „perfekt abgestimmtes Flugsystem“ kann offenbar doch schlagartig kippen. Meistens dann, wenn sich der Flieger am Limit bewegt und das intuitive Frühwarnsystem im ersten Flugteil einen Fehler macht.

Als Fan des Frauenskispringens bin ich mir übrigens sicher, dass es mittlerweile einige großartige Sportlerinnen gibt, die auch auf den gigantischen Flugschanzen faszinierende Leistungen zeigen könnten. Genauso wie bei den Männern, würde es jedoch auch bei den allerbesten Frauen – selten, aber auf lange Sicht unvermeidlich – schwere Abstürze geben.

Es ist vorrangig eine ethisch-moralische Frage, ob den, auf Leichtgewicht getrimmten Frauenkörpern dieses Szenario und die auftretenden Kräfte im schlimmsten Fall zugemutet werden dürfen. Es ist nur in zweiter Linie eine sportliche oder eine Frage der Gendergerechtigkeit.   

Sportliches Vermächtnis

Alois Lipburger hatte Locken wie Bruno Pezzey, sah aus wie eine braungebrannte griechische Statue, war enorm kopfballstark, schoss mit links präzise und mit rechts sehr scharf, und hatte ein Angebot von Wacker Innsbruck am Tisch. Der Andelsbucher war staatlicher Skilehrer und auch leidenschaftlicher Holzer, Schwarm vieler Damen von Stams bis nach Frankreich, ein toller Familienvater, Wasa-Lauf-Finisher und zertifizierter "Mr. Cool" bei einer Bungee-Jumping-Show im ORF.

Sein Leben aber war Skispringen, das zwar nicht unbedingt zu den sommerlichen Holz-Akkord-Arbeiten passte. Trotzdem war der Liss jahrelang nicht wegzudenken aus dem rotweißroten Nationalteam und hat die Kultur dieser Sportart auch nach seiner aktiven Laufbahn mit geprägt.

Seite an Seite sprangen wir Bregenzerwälder über Stams an die Weltspitze. Liss gewann die Schweizer Springertournee, als es noch keinen Weltcup gab, und wurde 1978 schließlich Vize-Weltmeister auf der Großschanze in Lahti in Finnland. Gehört hätte ihm zweifellos die Goldmedaille, aber die heimischen Weitenmesser waren ebenso dagegen wie ein orientierungsloser österreichischer Sprungrichter. Typisch Liss, er hat den diplomatischen Wiener zeitlebens mit Vorwürfen verschont.

Über Liss zu reden, ist, auch 20 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod, ein Thema, bei dem sich alle, die ihn kannten, einig sind: Er war ein richtig toller Kerl, kraftstrotzend und gleichzeitig einfühlsam.

Der Chef der deutschen Kombinierer, Weltmeister 1985 in Seefeld, Hermann Weinbuch, schwärmt von seinem begeisterungsfähigen und unglaublich fitten Sprungtrainer aus Österreich. Für Werner Schuster, Schmied des erfolgreichen deutschen Skisprungteams und Autor des großartigen Sportbuches "Abheben", war Liss DIE prägende Trainerpersönlichkeit in seiner Karriere.

Nationaltrainer Andreas Widhölzl sieht die Dinge ganz ähnlich. Unter seinem Lieblingstrainer Lipburger holte sich der Tiroler zur Jahrtausendwende einen fulminanten Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. "Swider" war in jener Nacht, nach der nichts mehr war wie zuvor, mit seinem Trainer im Unfallwagen.

Alois Lipburger lebte zuletzt in Telfs. Die gemeinsam mit seiner Frau aufgebaute Bewegungsakademie ist vielen bis heute ein Begriff. Als Liss nicht mehr da war, ging seine Familie zurück nach Green Bay in den USA. Von dort erreichte uns kürzlich eine wunderbare Nachricht. Liss Tochter Jacqueline ist Mutter geworden. Louisa heißt das Mädchen.

Risiko und die eigene Haut

Nein, es geht hier nicht darum, wer vor wem zu impfen ist, sondern um Spitzensport im Fernsehen.

Die Übertragungen liefern nicht nur gute Unterhaltung wie Spielfilme, sportliche Wettkämpfe vermitteln Ernstcharakter. Live können die ZuseherInnen vor den Bildschirmen eine nie ganz berechenbare Dramaturgie miterleben, in der die Mitwirkenden buchstäblich ihre eigene Haut aufs Spiel setzen. Manchmal wird dieser Spannungsbogen überzogen, nicht selten von jenen, deren persönliches Risiko aus dem Gefahrenbereich ausgelagert ist. „Skin in the Game“ ist der Titel eines Bestsellers des libanesisch-amerikanischen Finanz­mathematikers und Philosophen Nassim N. Taleb. Es geht um das Risiko und seinen Preis. Eine seiner Kernaussagen lautet, dass man Ratschläge tunlichst nicht von jenen holen soll, die ihre eigene Haut nicht riskieren. 

Zum Beispiel die Finanzbranche, aber nicht nur jene, ist reich an Beispielen, bei denen die Gewinne privatisiert, die Verluste aber anderen „umgehängt“ werden. Große Systeme sind sehr geschickt darin, anderen die Risiken zu überlassen und die eigene Haut zu schonen. 

Im Altertum gab es sinnvolle Regeln wie das „Rhodische Gesetz“: Wenn auf einer Seereise bestimmte Waren über Bord geworfen werden mussten, um das Schiff leichter zu machen, so war dieser Verlust von allen beteiligten Händlern zu tragen, nicht nur vom Besitzer der betroffenen Ware. Ein interessanter Ansatz hinsichtlich der gemeinsam zu tragenden Lasten und Risiken in einer von Corona gebeutelten Gesellschaft und deren unterschiedlich betroffenen Gruppierungen ...!

Der Skisport hat einmal mehr einige vielsagende Geschichten zum Thema Risikomanagement geliefert: Kitzbühel-Doppel-Sieger Beat Feuz sparte am Freitag nach dem schweren Sturz seines Teamkollegen Kryenbühl nicht mit Kritik: „Seit drei Tagen diskutieren wir über den Zielsprung – das muss nicht sein, darf nicht sein!“ Dass er Recht und viel zu sagen hat, wurde erst deutlich, als etwas passiert war und er in Führung lag. Perfiderweise musste er dann noch lange um den verdienten Lohn für seine Risikobereitschaft und Leistung zittern, weil das Rennen drohte, abgebrochen und für wertlos erklärt zu werden. 

Als Halbzeitführender sprang Halvor Egner Granerud in Lahti viel zu weit und stürzte. Die objektiven Messdaten vor dem Start ließen die Ampel auf Grün springen, der Aufwind im Idealbereich nahm kurzfris­tig zu, der Trainer musste unter Druck innerhalb von weniger als zehn Sekunden die Fahne schwenken. Das Risiko lag nur mehr beim Sportler und der ging „in die Vollen“ und verspielte unverschuldet einen verdienten Sieg.

Das Spiel mit dem Alter

Noch warten wir auf die Starts einiger hochverdienter und in die Jahre gekommener Sportgrößen wie Roger Federer, Noriaki Kasai oder Hannes Reichelt. Nicht das Virus, sondern die dadurch veränderten Abläufe machen es schwerer, den Rhythmus aufzunehmen. Aber die speziellen Chancen leben; was für die einen Wimbledon und das Skifliegen sind, ist für den anderen die Streif. 

Vorgemacht, wie es geht, haben es weniger die boxenden Mitfünfziger Mike Tyson und Roy Jones Junior, die für viel Geld noch einmal die erstaunlich schnellen Seniorenfäuste geschwungen haben, als ein anderer: Bernhard Langer düpierte vor drei Wochen bei den US Open in Augusta die versammelte Weltklasse. Nach der ersten Runde lag er als 63-Jähriger unter den Top Ten der weltbesten Profigolfer und sollte am Ende 29. werden. Das ist eine magische Leistung.

Szenenwechsel: Auf dem Abschlag sechs des Golfclubs Seefeld-Wildmoos formierte sich knapp vor dem Lockdown eine illustre Golfrunde. Genau dort oben ist im Winter der höchste Punkt des weitläufigen Langlaufnetzes auf dem Plateau. Viele Golfplätze in den Alpen verwandeln sich mit dem Schneefall zu charaktervollen Loipen. 

Zwei reifere Herren luden meinen Springerkollegen Rupert und mich zum Mitspielen ein. Wir alle kennen das Gelände im Sommer und im Winter wie unsere Hosentaschen (in denen wir manchmal vergeblich nach einem Bleistift suchen und ihn, vor allem unter Zeitdruck, nicht finden ...). Der Älteste unter uns dreht dort seit Jahrzehnten mit Ski und, wenn’s wärmer wird, mit den Golfschlägern und immer zu Fuß seine Runden, sammelt Kilometer, Pilze, Birdies, Heidelbeeren und verloren gegangene Golfbälle. Sein Golfschwung ist so unverkennbar, wie es seinerzeit sein Flugstil auf den Schanzen war. Walter Steinegger war als Skispringer vor sechzig Jahren bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley am Start, als der Sieger Helmut Recknagel in der Luft noch beide Arme kühn nach vorne streckte. 

Spielbahn neun gleicht einer Großschanze, der Ball soll 150 Meter durch eine steile Waldschneise auf eine – von oben winzig wirkende – Landefläche segeln. Ich musste mich in der Startluke hinter meinen Springerkollegen anstellen. Meine Vorspringer waren auf der Acht einen Schlag besser als meine Single-Handicap-Wenigkeit gewesen ... Walter ist übrigens zwei Wochen davor zweiundneunzig geworden! 

„Play your age“, wie die Amerikaner sagen, ist ein Lebensmotto, dem man nicht nur im Golf, in Amerika oder im Spitzensport, sondern in sehr originellen Ausprägungen auch in unseren Regionen begegnen kann.

Spielregeln gelten nur für die anderen ...

Stellen Sie sich vor, Toto Wolff würde vor der nächsten Formel-1-Saison vermelden: „Falls wir nicht Weltmeister werden, dann ist dies auf betrügerische Konkurrenten zurückzuführen.“ Dieses absurde Theater ließe sich mit einer fiktiven Aussage von Uli Hoeneß, dass Bayern nur von einem korrupten Schiedsrichter um den verdienten Titel in der Champions League zu bringen sein werde, weiterspinnen. Vor unseren staunenden europäischen Augen spielt sich eine vergleichbare Groteske bei den Wahlen für das Amt des „wichtigsten Mannes der Welt“ ab.

Fußballerisch betrachtet hat Trump schon in der 60. Minute, beim Stand von 2:2, Protest und Klage beim CAS, dem obersten Sportgerichtshof in Lausanne, eingelegt. Er klagt gegen die beiden vom Gegner erzielten Tore und möchte eine mögliche Verlängerung oder gar ein entscheidendes Elferschießen verhindern, weil er ahnt, den schlechteren Torhüter zu haben.

Die „damned rules“, die Spielregeln, die ausnahmslos für alle gelten, sind ihm dabei am meisten im Weg. Vom ergebnisoffenen Ausgang des Spieles fühlt sich der Titelverteidiger und selbst ernannte „Killer und Winner“ bedroht.

„Commander in Cheat“ heißt das Buch des anerkannten Sportjournalisten Rick Reilly über Trump als Golfspieler, den Oberbefehlshaber, der ständig schwindelt und lügt. Alle wissen es, warum wollen ihn trotzdem Millionen Amerikaner als ihren Präsidenten?

Vor allem, weil Erfolg, Einfluss, Kontrolle und Macht in den Staaten fundamentalistisch-religiös verehrt werden. Siegen und hohes Einkommen heiligen den Einsatz aller Mittel, offenbar selbst die Gefährdung von demokratischen Spielregeln, die über Jahrhunderte mühsam erkämpft und verteidigt wurden.

Ein Erbe aus der Urzeit, der äffische Anteil in unserer Genetik, lässt vorzugsweise Männer nach wie vor skrupellos nach den höchsten Rangpositionen streben. Das verursacht Fehlentscheidungen und Kollateralschäden. Der Deutsche Klaus Rolinsky schreibt in diesem Zusammenhang von Entscheidungsträgern im Lendenschurz und der Notwendigkeit einer zweiten Aufklärung.

Die Vorstellung eines Oberbefehlshabers im Körper eines aggressiven Gorillamännchens ist beängstigend genug. Der Gedanke, dass Entscheidungen und Handlungen solcher Figuren, wie bei einem Cyborg, immer direkter von digital erhobenen Kennzahlen und Algorithmen gespeist und gelenkt werden, bringt wenig Erleichterung. Dagegen wirkt der – seinerzeit von STS besungene – krimsekttrinkende Cowboy aus Amerika vor seinem roten Knopf im Oval Office noch irgendwie menschlich.

Vorteil für den Roten Baron

Es gibt außer Franz Beckenbauer wohl kaum eine deutschsprachige Sportpersönlichkeit, die so viel Staub aufgewirbelt hat wie Boris Becker. Am Platz und außerhalb der Arenen.

Im Staub des roten Sandes allerdings war ihm, auch wegen Thomas Muster, kein großer Turniersieg vergönnt. Sein sprichwörtliches Wohnzimmer war Wimbledon, sein Lieblingsbezug nicht Samt, sondern der englische Rasen. „Bum-Bum“ scheint körperlich von vielen harten Profijahren mit strapaziösem Spielstil und einem wenig pfleglichen Übergang in die Sportpension gezeichnet. Aber der 52-Jährige ist zurück im Tennis und nicht nur ich finde, dass er den Sport, sein offensichtlich immer noch geliebtes Spiel, durch überraschende Aspekte seiner schillernden Persönlichkeit absolut bereichert.

„Aus dem Nichts“ hatte Novak Djokovic die vom Leben gebeutelte deutsche Legende als Spezialcoach auf seine Bank gesetzt, ihm sein Vertrauen geschenkt und von der Zusammenarbeit profitiert. Nicht nur ihm, sondern vor allem Becker brachte sein seriöses Comeback in seinem ureigenen Milieu viel an Reputation zurück.

Nicht alle waren sich sicher, ob er als TV-Experte eine Bereicherung sein würde. Mittlerweile darf man das getrost behaupten. Es ist ein vielfältiger Genuss, das ehemalige Wunderkind, den kämpferischen Weltranglisteners­ten wohlwollend und anspruchsvoll kommentieren und analysieren zu hören. Seine Darbietungen als Eurosport-Experte sind Vermittlung, Übersetzung und Verstärkung der gebotenen sportlichen Leistungen und gelegentlich sogar höchst interessante und amüsante Events für sich.

Ein großer Champion mit schauspielerischen Talenten und großen Gesten, der schelmisch über sich lachen kann, ohne dabei seine eigenen Verdienste kleinzureden. Der ehemals aufbrausende Ehrgeizling punktet mit Charme und einer (besonders für das österreichische Ohr) betont gepflegten Sprache. Mit fein kultivierter Wertschätzung – statt von oben herab – begegnet er seinen Nachfolgern, die den Sport auf ihre eigene Art weiterleben, sofern sie dabei volles Engagement zeigen.

Becker fühlt sich sichtbar wohl im Fokus der Aufmerksamkeit und dem glatten Boden des Fernsehstudios, er scheut weder blumige noch knappe Formulierungen, wenn es darum geht, die wesentlichen Dinge verständlich auf den Punkt zu bringen.

Er bleibt der Service-Volley-Spieler, der es versteht, die Pointen selber zu setzen. Als erfolgreicher Doppelspieler weiß er aber auch, wann es Zeit ist, seinen kongenialen Partnern und Partnerinnen wie Matthias Stach oder Barbara Schett den finalen Smash zu überlassen.   

Wie die Saurier verschwanden ...

Die „jungen Wilden“ sind seit dem Achtelfinale der US-Open nur noch unter sich. Es fehlen die ganz Großen: wegen Verletzungspausen, Disqualifikation oder Verzicht, wie jenem von König Raffa. Ohne die dominanten Platzhirsche im entscheidenden Moment am richtigen Ort besiegt zu haben, wird der Grand-Slam-Titel in New York unter den Herausforderern vergeben.

Vermutlich sind Zwerev, Thiem, Medwedew, Rublew usw. jahrelang unter den Postern von Federer, Nadal, Djokovic oder Murray an den Wänden ihrer Kinderzimmer aufgewacht. Sie haben vom Aufschlag von Roger und der Vorhand von Nadal geträumt, sind ihren Vorbildern das erste Mal begegnet, durften mit ihnen ein Schlagtraining absolvieren, haben den ers­ten Punkt, das erste Spiel erbeutet und sind, wenn’s ernst wurde, auf den Boden der Realität geholt worden.

Auf dem Weg an die Spitze wurde der Next Generation von den Meistern immer wieder gezeigt, woran es noch zu arbeiten gilt. Wo es Schwachstellen oder eben noch keine Antworten auf die Stärken der Stars, z. B. den zermürbenden Topspin von Nadals Peitschenvorhand auf dem roten Sand gibt.

Die Dominatoren haben die Dynamik von „Best of five“ in engen Situationen öfter erfolgreich bewältigt und sie beherrschen das Spiel außerhalb der weißen Linien besser. Die geschickte Arbeit mit der eigenen Psyche, der kräfteschonende Umgang mit Medien, Veranstaltern, gegnerischem Lager, Sponsoreninteressen und dem Publikum. Jahrelang haben sie die Vorbereitungsturniere perfekt für den Formaufbau zu den Grand Slams genützt. Sie entwickelten dort Vorteile, wo sich die spielerischen Fähigkeiten kaum mehr unterscheiden.

Und plötzlich ist US Open und keines der Idole mehr dabei ...!

Kampflos wurde eine Hürde genommen, die sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Kopf der Herausforderer turmhoch aufgebaut hatte und bei den ganz großen Turnieren immer wieder zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde.

Die Dinosaurier wurden ja auch nicht in direkter Konfrontation von kleineren und wendigeren Raubtieren besiegt und verdrängt. Es waren veränderte Umweltbedingungen, die ihren Größenvorteil kampflos zum Nachteil werden ließen.

Offensichtlich hat die Corona-Pause den Topstars einen unterschwelligen, aber bedeutungsvollen Rhythmus genommen und Probleme unterschiedlichster Art beschert und verstärkt. Man darf gespannt sein, wer durch die plötzlich offene Tür gehen wird. Und wird das gewachsene Selbstvertrauen dann reichen, um das vormals erdrückende Charisma der „Alten“ in einer neuen Zeitrechnung auf Distanz zu halten?   

Olympische Spiele "light"

Über Olympia schwebt seit der Verschiebung der Sommerspiele 2020 eine sonderbare Unsicherheit. Die Zerbrechlichkeit eines riesigen Dampfers wird plötzlich erkennbar.

Auf nur 90 Seiten erklärt der deutsche Soziologe und Sportphilosoph Gunter Gebauer in seinem neuen Reclam-Taschenbuch die Olympischen Spiele und ihre Faszination. Der historische Erzählstrang in Gebauers Buch macht deutlich, dass Experimente, Rückschläge und Provisorien viele Jahre lang völlig normale Begleiterscheinungen der neuzeitlichen Olympischen Spiele waren.

Selbst als leidlich belesener Olympionike bin ich von der dichten Zusammenschau und bereichernden Vielfalt des handlichen Taschenbüchleins begeistert. Das liegt auch daran, dass Gebauer über eine Herzensangelegenheit schreibt. In seiner Jugend ein talentierter und begeisterter Leichtathlet, sind seine Verbundenheit mit dem Spitzensport und sein Bekenntnis zu den Grundwerten des Sports spürbar. In der Auswahl und Bearbeitung der Themen bleibt er allerdings ein unmissverständlicher und objektiv-sachlicher Wissenschafter, der niemandem eine gefällige Auftragsarbeit liefern will.

Mit gebotener Distanz und ideologisch unverbrämtem Gleichmut beschreibt und analysiert er den politischen Missbrauch sowie den beeindruckenden Aufstieg „der Spiele“ in einer sich ständig verändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Großwetterlage.

Spannend, mit wie viel Raffinesse Baron Pierre de Coubertin dereinst sein Netzwerk aus Hochadel und Militär in der Gründerzeit bespielt hat. Alles andere als selbstverständlich, dass die Wintersportarten in den versnobt-elitären Bereich eindringen konnten. Der Frauensport wurde lange ferngehalten. Für Tokyo 2020 wurde allerdings schon ein Frauenanteil von 48,8 Prozent angekündigt!

Nicht nur einmal waren es die Initiativen beherzter Männer und Frauen, die die Spiele am Leben erhielten. Innsbruck 1976 war so gesehen mehr als nur ein Notnagel für Denver.

Mit den gewaltig wachsenden Geldern aus Fernsehverträgen und der Zulassung von Profis startete Olympia dann Ende der 80er-Jahre unter dem „nichtadeligen“ wirtschafts- und machtorientierten Präsidenten Juan Antonio Samaranch ökonomisch durch und verfiel bald in eine Art Höhenrausch. Gebauer präsentiert gut recherchierte, knackige Details zu Hintergrundpolitik, Geschäft, Korruption, Betrug und Doping und endet mit ethischen Überlegungen:

Im Sichtbarwerden von „Anstrengung, Emotionen, Glücksmomenten, Angst, Erschöpfung ... kann man den Sinn der Olympischen Spiele erkennen. Sie zeigen ein verbindendes Band zwischen den Menschen.“   

Über die Magie des Publikums

Die Magie des Publikums ist Ihrem Autor als Sportler, Trainer und Lehrer, als Vortragender und seit sechs Jahren als Mitveranstalter von Kammermusik-Konzerten im Stift Stams bestens bekannt. Er ist u. a. vor 80.000 seinerzeit noch fachkundigen norwegischen Fans am Holmenkollen Letzter geworden und hat vor 60.000 am Bergisel eine olympische Goldmedaille verspielt. Unvergessliche Erlebnisse – wie als einer mitten unter den Fans beim 80er-Eishockey-Klassiker USA gegen UdSSR – stehen neben der exklusiven Erfahrung in Lillehammer 1994, am späten Abend vor dem 50-km-Langlauf von 10.000 wild campierenden „Wikingern“ lauthals über der Original-Rennstrecke gepusht zu werden ...

Es sind die Zuseher, die öffentliche Darbietungen und Leistungen erst zum vollen Glanz bringen und adeln. Ohne Publikum und unter Wegfall der vielfältigen, oft ganz subtilen, aber umso wirkungsvolleren Wechselwirkungen zwischen Zusehern und Akteuren fehlt der große emotionale Zauber.

Erfahrene Profis, egal aus welchem Genre, bleiben ohne Publikum oft unter ihrem Top-Niveau.

Dem Routinier fehlt jener spezielle Kitzel, der einen unerfahrenen „Trainingsweltmeister“ noch aus der Bahn wirft.

Der talentierte Frischling muss erst lernen, mit den aufputschenden Botenstoffen des Lampenfiebers umzugehen, und zahlt einiges an Lehrgeld, bis er zum reifen Publikumsspieler wird.

Ohne die eigenen Fans im Rücken gibt es keinen wirklichen Heimvorteil, andererseits aber doch Spezialisten, die speziell bei feindlich gegen sich gestimmten Fans unbeirrt in die persönlich optimale Leistungszone finden.

Der unlängst auf ORF Sport plus wiederholte Daviscup-Halbfinal-Schlager zwischen Horst Skoff und Michael Chang (1990) war ein Paradebeispiel dieses Phänomens. Der 18-jährige Amerikaner ließ sich weder von einem Zwei-Satz-Rückstand noch vom extrem patriotischen Publikum im Ernst-Happel-Stadion aus seiner Konzentration bringen und sicherte den USA im fünften Satz den Aufstieg ins Finale.

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie schal selbst hochkarätige Spiele ohne die kultische Begeisterung und tief empfundene Verzweiflung echter Anhänger rüberkommen und wie schnell die professionell gespielte Aufgeregtheit der Medienprofis im sterilen publikumsfreien Raum gekünstelt wirken kann.

Hoffentlich erkennen manche Veranstalter mit Beendigung der Zuseher-Abstinenz, dass voll aufgedrehte Lautsprecher und „Ballermann’sche Publikumslenkung“ die äußerst erfreuliche Anwesenheit echter Menschen plump überdröhnen und einen Event-Einheitsbrei fabrizieren, der nach kreativeren und würdigeren Konzepten und Alternativen schreit.   

Gedankenlosigkeit, Ignoranz, Lobbying oder Ehrabschneidung?

Zur Sportgeschichtsschreibung in einem kleinen Land:

Vorauszuschicken ist, dass viele, so auch der Verfasser dieser Zeilen, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten etwas sensibler auf bestimmte Zeichen reagieren. Die Botschaften zwischen den Zeilen oder die ausgesparten Tatsachen haben eine Kraft. Dabei ginge es gerade jetzt darum, auch jenen Menschen Zuversicht zu vermitteln, die sich immer wieder ins Zeug gelegt haben, und sich damit in einem überschaubaren Rahmen, aber aus eigener Kraft zu helfen wussten. Jenen, die nicht bei jedem Problem nach Unterstützung und Förderung gebrüllt, sondern eigenverantwortlich Lösungen gesucht haben und das weiterhin so halten werden. Weil solche Typen tief drinnen daran glauben, dass Anstrengungsbereitschaft, Leistung und das Erlebnis, etwas aus eigener Kraft, gegen Widerstände und ohne Lobbyismus, geschafft zu haben, ein gutes Gefühl vermitteln. Eigenleistung nennt sich dieses jede Gesellschaft und Kultur befeuernde Prinzip.

Der Spitzensport kann diese Botschaft vermitteln. Das ist neben seinem Unterhaltungswert auch der Grund dafür, dass sich junge Menschen diesem abenteuerlichen Weg nach wie vor und trotz der vorhandenen Risiken mit Haut und Haar verschreiben. Nicht nur SportlerInnen, wir alle brauchen die aufbauenden Erzählungen von jenen, die Rückschläge verkraftet haben und schwierige Wege erfolgreich gegangen sind.

Skispringen und der nordische Sport haben über Jahrzehnte bis heute eine Menge an tollen Leistungen und Geschichten produziert. Aus dem Schigymnasium Stams an die – bis heute verteidigte – Weltklasse führte ein spannender Weg. Unvoreingenommene ÖsterreicherInnen sind deshalb begeistert, weil der kleine vernachlässigte Bruder des großen alpinen Rennsports auf einer immer wieder schiefgestellten Anerkennungsebene aus eigener Kraft bis auf Augenhöhe gekommen und geblieben ist.

Die ORF-Doku „Menschen & Mächte“ zu den 70er-Jahren hat Sportgrößen und Sportarten als prägende Elemente des Lebensgefühls dieser wunderbaren Zeit erhoben. Als Zeitzeuge muss ich sagen: Absolut zurecht! Allerdings fehlen meinen Freunden aus dem Springerlager und mir die Argumente für die Aussparung unserer gerade bei den Olympischen Heimspielen in Innsbruck noch erfolgreicheren Zunft. Immerhin war Olympiasieger Dr. Karl Schnabl mit einer weiteren Bronzemedaille 1976 der erfolgreichste rot-weiß-rote Olympionike.

Der Vollständigkeit halber erweitere ich den Blick auf die im Titel gestellte Frage mit der Tatsache, dass dasselbe Medium zum 40jährigen Jubiläum der Olympischen Spiele 1980 kürzlich einen 20-Minüter über die österreichischen Goldmedaillengewinner ausgestrahlt hat. Der Verfasser als einer der drei fand darin allerdings mit keinem Wort Erwähnung. Ist es nun peinlich als Betroffener – und in Ermangelung von Lobbyisten –, aktiv darauf hinzuweisen, oder, dass nationale Sportgeschichte auf wichtigen Sendeplätzen wiederholt umgeschrieben wird?   

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