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Toni Innauer.

Innauer-Kolumne

Adler-Perspektive von Toni Innauer

Toni Innauer, Skisprung-Olympiasieger und -Weltmeister 1980, ist Buchautor und Vortragender. In seiner monatlichen Kolumne in der Tiroler Tageszeitung macht er sich Gedanken über das aktuelle Sportgeschehen.

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Ist eine Diskusmedaille wertvoller als eine Skimedaille?

In einigen Wintersportarten tummeln sich seit der Etablierung der Mannschaftswettkämpfe viele Medaillengewinner. So positiv diese Wettkampfformate für den nationalen Medaillenspiegel, die Spannung vor dem Bildschirm zu bewerten sind, so sehr tragen sie auch zu einer schleichenden sportlichen Inflation bei.

Gängige Vermarktungspraktiken heben eilfertig Weltmeister und Olympia­sieger auf den höchsten Schild, ohne sauber zwischen Einzel- oder Teambewerben zu unterscheiden.

Beim entscheidenden sportlichen Schwierigkeitsgrad allerdings, wenn nach EINZEL-Medaillengewinnern gesucht wird, lichtet sich das Feld dramatisch, und übrig bleiben nur noch wenige. Bei der Leichtathletik-WM in Doha sind mit Lukas Weißhaidinger und Verena Preiner zwei weitere, wirklich Würdige dazugekommen.

Selbst wer halbwegs unvoreingenommen über die eigenen Skispitzen hinaus in die weite Sportwelt zu blicken vermag, hört es nicht so gern, wenn Skisport als Kräftemessen innerhalb einer verhältnismäßig kleinen Teilnehmergruppe bezeichnet und dort erzielte Erfolge als Weltklasseleistungen relativiert werden. Spitze Zungen sehen Skisport-Weltspiele als zentraleuropäische Meisterschaften mit skandinavischer Beteiligung, während in klassischen Sportarten wie Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Volleyball oder eben auch in der Leichtathletik praktisch die ganze Welt dagegenhält.

So gesehen müsste der erstmalige Gewinn einer Herren-LA-Einzelmedaille durch Weißhaidinger als größter österreichischer Sporterfolg seit den Olympia­siegen von Peter Seisenbacher, dem Tischtennis-WM-Titel von Werner Schlager und dem Nummer-1-Ranking von Thomas Muster gewürdigt und entsprechend gefeiert werden.

Der Erfolgsweg des 150-kg-Bröckerls mit seinem Trainer Gregor Högler verdient jedenfalls höchste Anerkennung für die beherzte Art und Weise, sich in einer von Ski und Fußball erdrückten Sportwelt zu behaupten. Danke für die, neben den Erfolgen anfallenden, wertvollen Beiträge zu einer feinen Spitzensportkultur abseits eines uniformen sportlichen Mainstreams!

Schmälert eigentlich die Tatsache, dass es weltweit doch verschwindend wenige Diskuswerfer oder Siebenkämpferinnen gibt, auch den Wert unserer neueste­n Medaillen?

Bestimmend über die Hochwertigkeit eines Leistungsvergleichs dürfte wohl eher sein, ob sich zumindest eine gute Handvoll der wichtigsten „Sportnationen“, wie Deutschland, Russland, USA, China ..., mit voller Infrastruktur und Ernsthaftigkeit an den Wettbewerben beteiligen. Dadurch wird, zumindest an der Spitze, dort, wo es um Einzel-Metall geht, die Luft in all diesen Sportarten ähnlich dünn.   

Wer so viel gewinnt, der schafft auch an

Auf sympathisch-eigenwillige und unprätentiöse Art lüftete Marcel Hirscher das längst nicht mehr so geheime Rätsel zu seinem Rücktritt gleich zum Start der Show.

Manche der kleinen Nebengeräusche und feinen symbolischen Akzente und Auslassungen im Umfeld der erdgebunden gehaltenen Veranstaltung haben dabei Anlass für Spekulationen, aber auch zum Schmunzeln geliefert: Hirschers Clan hat sich zu keiner Zeit und von niemandem vereinnahmen lassen. Um mit den daraus erwachsenden Konsequenzen leben zu können, muss man, im skisportverrückten und engmaschig „verseilschafteten“ Österreich, entweder halsbrecherisch stur oder unantastbar gut sein.

Hirscher und sein Team haben das Gesetz des Handelns mit verlässlich-überirdischen Resultaten und hochprofessionell in der Hand behalten. Zementierte Abhängigkeiten wurden ohne lauten Machtkampf umgedreht. Diese Linie und „Mission Control“ wurden auch bei der gut inszenierten Metamorphose zum „Neuen Hirscher“ im Salzburger Gusswerk konsequent durchgezogen. Es war ein bisschen wie in Wimbledon: Sportlich hochkarätige Bedeutung und rundum keine Werbung, die Nummer eins nur im einfachen weißen T-Shirt ohne Logos. Eine Marke wurde dadurch freilich besonders sichtbar: Marcel Hirscher!

Sein Auftritt landete auch an Stelle der Wahldebatte im TV-Hauptabendprogramm. Der Sport ist bei dieser Gelegenheit und erstmals in einem österreichischen Wahlkampf zum Thema geworden. Leider nicht im Rahmen einer inhaltlichen Diskussion, sondern den Vorrang beim Sendeplatz betreffend. Sogar der ÖSV musste, wie der ORF oder sein Hauptsponsor, damit leben, bei dieser Show nur Gast statt explizit hervorgehobener Premiumpartner zu sein. Der gelernte rotweißrote Ski-Fan rieb sich kurz die Augen, als statt Rainer Pariasek ein wild bebarteter Marco Büchel internationales Flair in den Abend trug.

Die meisten aktiven Skifahrer mögen innerlich erleichtert sein, dass der Unbezwingbare den Weg endlich für eine völlig neue Zeitrechnung frei gemacht hat. Fußballexperte Frenkie Schinkels hingegen wünscht sich ein Comeback von Hirscher: unter holländischer Flagge ... ;-). Der ÖSV-Präsident wünscht sich eine Kooperation für den ÖSV-Nachwuchs.

Ich wünsche mir eine Analyse aus seiner praktischen Sicht: einen Ansatz, der seinem Sport materialmäßig den Weg aus einer schauerlichen Verletzungs-Misere weisen könnte. So wie Werner Schuster, der als Ex-DSV-Nationaltrainer kürzlich in München eine praxisnahe Analyse zu den möglichen Ursachen gehäufter Kreuzbandverletzungen im Skispringen abgeliefert hat.   

An(n)a Bolika & Adi Positas

Nahezu die gesamten beschlagnahmten Dopingpräparate der Aktion „Viribus“ sind für Abnehmer außerhalb des Leistungssports bestimmt. Wie kann das sein? Leichtere Bezugsmöglichkeit durch den globalisierten Warenverkehr und die sinkende Hemmschwelle einer wachsenden Anwendergruppe sind zwei Gründe. Die Badesaison bietet dem geschulten Auge freie Sicht auf all die neuen Tattoos und die größer werdende Kundenschicht von „Prof. Ana Bolika“ und „Dr. HGH Wachstumshormon“: Ein Muskel, der über viele Jahre durch Training und Arbeit gewachsen ist, unterscheidet sich in der Optik und vor allem durch die Qualität von aufgeblasenen „Schnellzüchtungen“.

Die menschliche Biomasse nimmt durch die Anzahl und – in Wohlstandsgesellschaften – auch durch zweierlei „Mästungsarten“ zu: Fettleibigkeit und künstlich angeschobenes Muskelwachstum sind die Treiber.

Günther Paal alias Gunkel erklärt im neuen Kabarettprogramm, dass der Mensch genetisch auf den Zustand des leichten Hungers programmiert sei und so am besten funktionieren würde. Nur diejenigen, die damit zurechtkamen und ihren Nachkommen diese Fähigkeit weiter vermittelten, sind übrig geblieben und haben uns dieses genetische Erbe weitergegeben. Der Sog einer saturierten Gesellschaft geht aber in eine völlig andere Richtung. Das Lachen kann einem dabei im Halse stecken bleiben. Als Haderling, dem sein Hochzeitsanzug heute noch passt, registriert man, dass die Industrie die eigene Kleidergröße zehn Jahre nach der Silberhochzeit vom seinerzeitigen Durchschnittswert M(edium) auf S(mall) neu genormt hat.

Während sich Ernährungsmultis auf die unwiderstehliche Anziehungskraft der Kombination aus Zucker und Fett verlassen können, um Abhängige mit riesenhaftem Appetit und doppelter Körperfülle zu züchten, läuft das Geschäft mit den Muskeldrogen über Männlichkeitswahn, Ungeduld und Bequemlichkeit.

Narzissmus ist inzwischen gesellschaftlich akzeptiert. Mit „etwas Stoff“ ist der sichtbare Erfolg von Krafttraining durch Muskelwachstum schneller und mit weniger Anstrengung erzielbar. Dazu passt, dass man in einigen Ländern Dopingpräparate, beispielsweise Wachstumshormone, rezeptfrei in jedem Drugstore kaufen und weltweit verhökern kann.

Leider kann das Ende vom Lied die Sucht sein und so bitter klingen wie eine – nie erschienene – Strophe des EAV-Hits „An der Copacabana“: „Ob im Edelzwirn
oder Lodenstrumpf
es droht das Nebel-Hirn
und der Hoden schrumpft ...
uga-aga-uga ...!“

Lieber gut gegangen als schlecht gefahren

Wir sind leicht zu faszinieren, wenn es um Bewegungserleichterung, im Fall von Segways, E-Scootern, Hoverboards, Solo-Wheels noch dazu um coole, geräuscharme, aufladbare, „nachhaltige“ Formen des bequemen Ortswechsels geht. Auch „the last mile“ in den Ortszentren soll – so die Werbung – lustvoll und stylisch gerollt werden.

Ist es wurscht, wenn noch die letzten Gehschritte unter die Räder kommen? Wie z. B. in Salzburg, wo ernsthaft der Bau einer U-Bahn überlegt wird. Sie soll ganze 700 – und fußläufig offenbar nicht mehr zumut­bare – Meter lang werden ...

Was soll’s, könnte man fragen: Fahren macht Spaß, erleichtert das Leben, die neuen Vehikel stinken und lärmen nicht und schaffen Umsätze und Arbeitsplätze. Weder in Deutschland noch bei uns werden Technikfolgewirkungen in die aktuellen Debatten einbezogen, systematische motorische Verarmung und körperliche Degeneration werden ausgeblendet.

Nachhaltig ist die Art des verwendeten Stromes, aber auch die langfristige Auswirkung auf unsere Biologie: Wer einen Taschenrechner verwendet, verlernt tendenziell Kopfrechnen, wer mit dem GPS auf dem Smartphone aufwächst, entwickelt im Normalfall weniger Orientierungssinn, Autokorrekturprogramme ersparen vordergründig das Erlernen der wichtigsten Rechtschreibregeln.

Motoren, Digitalisierung und Geschäftssinn bauen das menschliche Bewegungsspektrum und sogar den Sport radikal um. Auf vielen amerikanischen Golfplätzen darf man als Spieler nicht mehr gehen, man muss einen Elektrowagen mieten und von Schlag zu Schlag fahren. Bundessport­organisation und Internationales Olympisches Komitee müssen ernsthaft an die Aufnahme von E-Sportarten, die sitzend vor Bildschirmen stattfinden, denken. Evolutionsbedingt und ursprünglich sinnvollerweise sind wir mit einem biologischen System ausgestattet, das alles, was Ziele mit geringerem Energieaufwand erreichen lässt, belohnt. Konrad Lorenz nannte es „Funktionslust“, wenn wir es genießen, mühsam zu erlernende Tätigkeiten mit großer Freude und zum reinen Selbstzweck auszuüben. In den „acht Todsünden der Menschheit“ warnte er in diesem Zusammenhang vor der Verführungskraft technischer Spielzeuge.

Bewegung und Körperlichkeit sind, im Vergleich zu den erlernten Kulturtechniken Rechnen und Schreiben, biologisch fundamentale Kategorien des Menschseins. Gerade weil sie so selbstverständlich scheinen, sollten sie immer mitbedacht werden. Die unreflektierte Freude an technischem Spielzeug kann uns langfristig und „nachhaltig“ in gesundheitliche und volkswirtschaftliche Sackgassen lenken, die da nicht nur Adipositas, Diabetes, Osteoporose oder Depression heißen.   

Befreiungsschlag

Der Tennisfan bekam lange keine Erklärung zu den grauen Stimmungswolken über Dominic Thiem und Günter Bresnik. Die Beteiligten vermittelten Beklemmung statt Klarstellungen. Auch sie wirkten überrascht von der undurchsichtigen Dynamik. Statt dem stoischen Pokerface Bresnik sitzen nun Nicolas Massu oder Vater Wolfgang Thiem als frische Touring-Coaches in der Spielerbox.

Die Entwicklung und die jüngsten Ergebnisse, vor allem der Turniersieg in Barcelona, mit dem Halbfinal-Sieg gegen Nadal, legen nahe, dass sich da einer abgenabelt und freigespielt hat. Man sah Thiem mit seinen bekannten sportlichen Waffen und neuen, frechen, sogar für „Rafa“ unberechenbaren Varianten. Im wahrsten Sinne atemberaubend waren die genialen und wirkungsvollen Stopps gegen den Spanier und mit welcher Beherztheit er herausfinden wollte, ob er ihn unter Dauerdruck würde halten können. Herzerfrischend auch, wie er sich während des Finales gegen Daniil Medwedew umstellte, weil Plan A nicht gegriffen hatte und er sich selbst und uns staunenden Zusehern zeigte, dass auch sein Rückhand Slice eine Partie drehen kann.

Sind die neuen Trainer nun die besseren?

Nein, aber ein überfälliger Prozess wurde vom Spieler selber vollzogen. Der jahrelange Aufbau von Kondition, Umbau und Verfeinerung von Technik und Persönlichkeit verlangen von Trainer und Sportler sehr viel. Man muss Nähe und Konfrontation suchen, Widerstände offenlegen und aushalten sowie all die Windungen und Irrungen gar lieben. Begabung allein ist zu wenig, wenn man an den Kern der Sache heranwill. Intensität und Reibung belasten und hinterlassen Spuren, sie rauben die freche Unbekümmertheit, die einen inspirierenden Wettkampfcoach ausmachen.

Tennis habe ihm schon lange nicht mehr so viel Freude bereitet, bricht es förmlich heraus aus Thiem. Die Intuition des Spielers hat sich Platz geschaffen, als sie zu ersticken drohte und offenbar bevor der verdiente Mentor so weit war.

Der Prozess hätte besser vorbereitet und eleganter kommuniziert werden müssen, aber immerhin wurde der Anstand gewahrt und auf einen sportlichen Rosenkrieg verzichtet. Die gegenseitige Wertschätzung, das gemeinsam Erreichte waren auch in der Emanzipationsphase stark genug, um unwürdiges Nachtreten zu verhindern. Die Doppelfunktion des Mentors als Trainer und Manager dürfte ebenso ihren Beitrag zum Problem, aber auch zur kollektiven Besonnenheit geliefert haben.

Wer auch immer zukünftig in der Spielerbox von Dominic Thiem Erfolge feiern wird: Thiem bleibt das von Günter Bresnik geschaffene motorische Gesamtkunstwerk und ein Geschenk an alle Tennisfans!   

Frühlingszeit ist Transferzeit im Wintersport

Trainer und Betreuer treten „im richtigen Moment“ zurück, andere Verträge werden nicht mehr verlängert. Manche nehmen neue Herausforderungen mit frischen Athleten an. „Die Karten werden neu gemischt“, Hoffnungen auf eine neue Zeitrechnung, auf neue Konstellationen und inspirierende Zusammenarbeiten blühen auf.

Einige wenige, wie Werner Schuster, Matthias Berthold, seinerzeit Alex Pointner oder Alex Stöckl in Norwegen haben es geschafft, Jahr für Jahr neue Anreize, Ansätze, Ideen und Entwicklungsräume aufzuspannen, um zu verhindern, dass sich öde Routine, Widerstände, Stillstand oder Überdruss breitmachten. Man braucht viel Phantasie, besondere kommunikative Fähigkeiten, aber vor allem Zuversicht und letztlich natürlich Erfolg, um die Stimmung über Jahre oben halten zu können. Alle Beteiligten wollen das Beste, werfen ihr Wissen, Willenskraft und Hoffnungen in die Arbeit, und trotzdem kann man irgendwann aneinander vorbei agieren, schleichend verabschieden sich Energie, Anstrengungsbereitschaft, Zuversicht, Glück und Erfolg, dann heißt es: „Neue Besen kehren gut!, „ein frischer Wind könnte nicht schaden...“.

Fachwissen und Erfahrung sind wichtig aber nicht alles. Es gibt da auch einen Raum des Nicht-Steuerbaren in Lernprozessen, einiges ist mit linearem Denken und Messen nicht einzufangen und vorauszusehen. Der gemeinsame Weg von Trainer und Sportler ist immer einzigartig, nicht nur kompliziert, sondern hochkomplex und vielschichtig. Wie im Verhältnis Lehrer-Schüler, Arzt-Patient oder Therapeut-Klient entsteht eine nie ganz planbare Eigendynamik. Es kann nicht von oben nach unten vermittelt, doziert, gestaltet oder gecoacht werden, wenn es um das Entdecken von individuell optimale Lösungen geht. Man weiß nie genau, was bei bestimmten Interventionen herauskommt und muss die Erfahrungen und Reaktionen genau beobachten. Lern- und Entwicklungsprozessen muss - wie dem Leben - Platz zur Selbstregulation und Eigenerfahrung gegeben werden. Vieles entfaltet sich in überraschende Richtungen und in individuellem Tempo. Gute Trainer ahnen Entwicklungsmöglichkeiten mit viel gestalterischer Vision voraus. Es braucht Methodik und Fachwissen, aber auch Zuversicht und Geduld, um gemeinsam mit den Schützlingen auf die ersehnten Entwicklungsschritte zu warten. Gute Coaches haben schon das besseres Bild des Sportlers und rechnen mit vorübergehender Verunsicherung als Teil des Spiels. „Vorausschauende Anerkennung“ nennt die Philosophin Natalie Knapp diese Haltung, in der ein „nichtlineares Nichtgleichgewicht“ auszuhalten ist, bis sich Fortschritte und neue Qualitäten zeigen.

Die positiven Erkenntnisse abseits des Doping-Orkans

So sehr ich Mario Stecher als Athlet schätzte und unterstützte, als ÖSV-Sportleiter wäre er für mich zu „grün“ und nicht die erste Wahl gewesen. Wie bei Christoph Bieler, dem Sprungtrainer der Kombinierer, fehlte mir seine Erfahrung als Coach. Vom Athletendasein direkt in eine exponierte Führungsfunktion zu springen, schien mir übereilt. Franz Josef Rehrl, Mario Seidl und der rechtzeitig wiedererstarkte Berni Gruber sprechen erfreulicherweise auf der Schanze eine andere Sprache. Das war Skispringen, wie man es bestenfalls noch von Jarl Magnus Riiber oder von Spezialspringern gezeigt bekommt, dahinter steckt offensichtlich doch der „Bieles“. Und Neo-Chef Mario steht nach der Heim-WM mit sensationellen neun Medaillen da! Es wäre viel bequemer jetzt zu behaupten: „Ich habe es immer schon gewusst...“, nachträglich die Vorab-Einschätzung den frisch gebackenen Erfolgen anzupassen. Ich gebe lieber zu, die beiden in ihrer Wirksamkeit im System unterschätzt zu haben.

Eva Pinkelnig z.B. wurde vor dieser Saison von vielen, zugegeben auch von mir, schon abgeschrieben. Dann hat die Vorarlbergerin ein Skisprungwunder vollbracht. Mit ihrem Comeback, nach drei traumatisierenden Stürzen, hat die spätberufene Skispringerin alle Sachverständigen verblüfft. Von Harry Rodlauer gecoacht, überlistete Eva alle ehernen und ungeschriebenen Gesetze unseres Sports und brachte etwas Unmögliches zustande. Mit ihren zwei Silbermedaillen und dem tollen 5. Platz im Einzelspringen ist sie meine persönliche Heldin dieser WM. 

Dass Mario Stecher mit Andi Felder seinen ehemaligen Sprungtrainer nach Heinz Kuttin auf die Kommandobrücke der Spezialspringer stellte, hielt ich zumindest für sehr gewagt. Meistens abseits der Kameraschwenkbereiche agierend, brachten der sympathische Oldschool-Haudegen und seine jungen Assistenten das schräg stehende Schiff bis zur Heim-WM wieder so flott, dass drei Medaillen eingefahren wurden. Chapeau!

Die österreichischen SpringerInnen und Kombinierer konnten sich neben dem wild tobenden Dopingorkan einmal mehr als stabiler kleiner Flugzeugträger etablieren. Dazu braucht es aber auch „Bodenpersonal“, das mit auffällig gutem Material auf Schanzen und Loipen für Ruhe und Zuversicht sorgen kann. Dass ein Leichtgewicht wie Stefan Kraft im Anlauf fast Höchstgeschwindigkeit fährt, lässt staunen und hilft enorm. Weil’s passt (und mir auch nicht so leicht zu schreiben fällt): Ein „Alpiner“, Toni Giger, ist der Mastermind hinter dieser lange nicht gekannten Stabilität im Materialbereich.

Offroad wird Mainstream

Es sind die Hänge neben den hochfrequentierten Skipisten, die Freerider und Tourengeher anziehen. „Abfellen“ und rein in den Pulverschnee. Winter wie diese laden sogar Langläufer ein, neben den präparierten Loipen auf gefrorener Schneedecke frei dahinzuskaten. Mit jedem Schritt versteht man die Faszination der schlittschuhlaufenden Holländer für ihren 11-Städte-Lauf über Seen und Kanäle besser. Ende der 80er-Jahre haben wir uns, mit Sturzhelm, Skistöcken und auf Eis­hockeyschuhen, sogar in den bucklig vereisten Stamser Bach gewagt. Was viele für verrückt hielten, war für unsere standfeste Skifamilie die Entdeckung einer faszinierenden neuen Sportart. Nach einer vorsichtigen Testphase ging es überraschend kontrollierbar die Eiswellen rauf und runter und mit Schwung unter den Brücken durch. 

Pilzsuchern geht angesichts der Prachtexemplare an ihren Geheimplätzen zwar das Herz, aber selten der Mund über. Propaganda würde den nachhaltigen eigenen Erfolg gefährden und durch Nachahmer die Interessenskonflikte mit Forst und Jagd noch verstärken. Moderne Abenteuerlust, Individualismus und Freiheitsdrang lassen Paragleiter, Mountainbiker, Kletterer und sogar Schneeschuhwanderer eigene Wege suchen und immer wieder sensible natürliche Zusammenhänge stören und belasten. So reizvoll es ist, Bewegung im Freigelände ist nicht massentauglich. 

Zum Glück kann man mit Offroad-Fahrzeugen im Paris-Dakar-Look und Rundumairbags ein verwegenes Zeichen und gleichzeitig auf Sicherheit setzen. Riesige SUVs und Pickups im Pferdeflüsterer-Design haben den Sportwagen den Rang abgelaufen. Im doppelten Wortsinn dominieren sie den Verkehr. In den Citys fehlen zwar die geländemäßigen Herausforderungen für das überbordende Leistungsangebot der tonnenschweren Allradler. Das potente Freiheitsgefühl aber und der Blick hinunter auf die niederen Verkehrsteilnehmer sind betörend, selbst wenn freie Parklücken peinlich eng werden können. Bevor Sprit- und Platzverbrauch die Modellwahl bezweifeln lassen, wird vom urbanen Ranger der emotionale Sicherheitsaspekt ins Gefecht geführt, im Fall einer Kollision hat man da gewichtige Argumente.

Es war in Wien und unter höchstem Zeitstress, als mein bulliger SUV partout in keine der Tiefgaragenparklücken passen wollte: Es musste eine Lösung her! Mit Anzug und Aktenkoffer kletterte ich letztlich quer durchs Auto und durch die Heckklappe meines Geländewagens ins Freie. In dieser gebückten Haltung beschloss ich, auf ein kleineres Auto umzusteigen.

Es reißen zu viele Bänder, es braucht „disruptive“ Innovationen

Vor neun Jahren habe ich in „Am Puls des Erfolgs“ meine Empörung über die endlosen Verletzungsserien im alpinen Skirennlauf zu Papier gebracht. Es herrschte gespenstisches Einvernehmen darüber, dass es sich bei den Verletzungen um eine unabänderliche, von den handelnden Personen nicht beeinflussbare Schicksalshaftigkeit handelt. Zusätzliche Beklemmung verursachte das Beobachten des „Kollateralnutzens“ der Stürze zur Betonung und Vermarktung von Skirennen als hochriskante, „wahre Abenteuer“ der Menschheit.

Meine Analyse hat mich bei manchen vorübergehend zum Feindbild gemacht. Heute und mit Blick auf die aktuelle Schreckensbilanz im ÖSV-Damenlager weiß ich, dass ich mir den Gegenwind damals genauso gut hätte sparen können. Es hat sich nämlich nichts Substanzielles geändert in neun langen Jahren, und das ist ein erschütternder Befund. Dieses Gefühl mischt sich mit bitterer Ohnmacht, nicht einmal jene Athletinnen, die wir als Agentur neben der Piste begleiten, vor dem allgegenwärtigen Risiko behüten zu können.

Der Schutz der SportlerInnen und eine deutlich wahrnehmbare Entspannung der krankhaften Situation ist längst überfällig. Es darf nicht wahr sein, dass sich eine aufgeklärte Gesellschaft an diese perverse Häufung von schweren Sportunfällen gewöhnt hat. Es braucht eine radikale und prinzipielle Veränderung, die eine neue, sicherere Zeitrechnung einläutet! Der Ansatz dazu kann aber nur aus dem Sport selber, aus dem Zentrum der Renn-Experten kommen und muss beim Material ansetzen. Die Bemühungen, Muskeln und Bänder an die gestiegenen Belastungen anzupassen, sind, vor allem bei den Damen, gescheitert. 

Das Auslagern/Outsourcen von Verantwortung an externe Gremien und Institutionen fühlt sich zwar gut an, funktioniert aber nicht. Diejenigen, die wissen und täglich daran arbeiten, wie die Kanten scharf, der Schwung schnell, Beine und Rücken stark gemacht werden, würden der Sache verlässlich näherrücken, wenn sie die Zeit und den klaren Auftrag dafür hätten. Diese Profis ahnen garantiert, wo nach radikalen Änderungen und damit auch (Er-)Lösungen zu suchen wäre. Viele wissen noch, wie das Material beschaffen war, als Kreuzbandrisse noch nicht selbstverständlich zur Rennsport-Biografie gehörten. Wissenschafter könnten die Ideen theoretisch absichern, die Bosse, Manager und Lobbyisten müssten dann nur noch Allianzen für die sportpolitische Umsetzung schmieden wollen.

Und da liegt der Hase im Pfeffer: Eine bahnbrechende bzw. disruptive Innovation kann nur in einem Milieu gegenseitigen Vertrauens und durch geänderte Anreize entstehen.
Nationales und nationalistisches Vorteilsdenken verschleiert die übergreifende Problematik und weist die Verantwortung, so wie beim Klimawandel oder der Migrationsbewegung, „den anderen“, der EU oder im sportlichen Fall der FIS zu. Mit diesem Modell lassen sich in der Politik Wahlen und im Schnee weiterhin Rennen gewinnen, aber die Probleme existieren weiter. Sie können nur in gemeinsamer Anstrengung und Verantwortung angepackt werden.

Klassische konkurrenz-orientierte Arbeitsbedingungen fördern das Gegenteil von „großen Würfen“. Christoph KEESE verweist in seinem Bestseller „Silicon Valley“ auf die Innovationsfähigkeit und die Kreativkultur ebendort: „Innovation entsteht durch den freien, ungehemmten Austausch von Menschen auf kleinstem Raum ... Menschen werden kreativ, wenn sie beruflich so arbeiten dürfen, wie sie privat leben: eng verwoben, in freundschaftlichem Abstand, im ständigen Dialog, im freien Spiel der Ideen ...“
Die Verletzungsproblematik betrifft alle und ist so belastend, dass ÖSV, SwissSki, DSV usw. gemeinsam nach Lösungen forschen und die Ergebnisse dann an die FIS herantragen sollten. Weil aber jeder, und vor allem die Erfolgreichsten, ihre Geheimnisse und Vorteilchen wahren möchten und Schiss vor einer Verschiebung der Rangordnung haben, passiert nur Halbherziges. Man möchte schließlich nicht die Konkurrenz stark machen.

Wie wäre es, den Spieß umzudrehen, z. B. mit einem hochdotierten Wettbewerb der FIS oder vorausdenkender Sportminister für den besten Lösungsvorschlag einer internationalen Expertengruppe? Das Geld wäre bestens in das Vertrauen der Eltern und in den Nachwuchs investiert.

"Nur" drei Luken mehr Anlauf ...

... und viele im Starterfeld würden zeigen, dass sie auch brillante Skispringer sind und dabei Wollen und Tun genussvoll miteinander verschmelzen lassen können. Aber auf Weltcup-Niveau gibt es immer eine Handvoll Spielverderber in Hochform, die die Anlaufgeschwindigkeit in jene Regionen drücken, wo es wehtut. Das bringt selbst große Namen ins Trudeln.

Skispringen ist zwar ein Einzelsport, aber Kobayashis Form macht das Luftpolster für alle unbequem dünn. Die „Anlaufkürze“ tut dem Sprung und Selbstvertrauen vieler richtig weh. Die Leichtigkeit des einen treibt die anderen an die Grenze. Wie gut fühlt es sich an, wenn man die Mitbewerber zum Fluchen und Verzweifeln bringt, weil man sich sogar noch eine Luke tiefer ins Fliegen bringen kann?

Im alpinen Rennlauf ist Jahr für Jahr damit zu rechnen, dass sich Hirscher und Kristoffersen oder Shiffrin und Vlhova wieder um die Siege raufen werden. Dies scheint vorhersehbarer und verlässlicher zu steuern als im Skispringen. Während ein kleiner Fehler beim ersten Schwung im Riesentorlauf ein lehrreicher und korrigierbarer Warnruf ist, kann das auf der Schanze schon das bittere Aus bedeuten.

Smarte und fleißige Arbeit ist auch im Skispringen die Basis, aber niemand kann genau vorhersagen, wann es beim Einzelnen klick machen und „grooven“ wird. Selbst wenn man sich als Sportler all die Eindrücke der Hochform aufgeschrieben hatte, waren diese Aufzeichnungen auf der nächsten Durststrecke nicht die erlösende Rettung.

Wussten wir in der „Superadler“-Zeit, wer letztlich wann genau oben stehen wird? Oder aktueller: Hatte der deutsche Cheftrainer Werner Schuster auf seinen Schützling Markus Eisenbichler als seinen Trumpf bei der Tournee gesetzt? Nein, und ausgerechnet sein Wackelkandidat springt sich frei und für die deutschen Stars in die Bresche. Was verwandelt all die Puzzleteile, die so akribisch zum fliegenden Cyborg getrimmt werden, zur Hochform? Klarheit besteht darüber, was im Vorfeld zu eliminieren ist: eine unsaubere Absprungbewegung, Kraftdefizite, Probleme mit der Materialabstimmung oder mentale Unsicherheit werden sich spätestens unter dem Druck des ultrakurzen Anlaufes noch deutlicher zeigen.

Simon Amann sucht mit Hilfe eines Wunderschuhs seit Jahren nach seinem persönlichen Tipping-Point, dem Auslöser für die Hochform, während Gregor Schlierenzauer über seiner optimalen Anfahrtshocke brütet und testet. An der Transformationsschwelle zur wetterwendischen Genialität bleibt Skispringen vorläufig noch eine Mischung aus moderner Trainingswissenschaft und Geduld bei der alchemis­tischen Suche nach dem Stein des Weisen in der dünnen Winterluft.

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