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Alexander Pointner

Mut zum Absprung

Kolumne von Alexander Pointner: Mut zum Absprung

Alexander Pointner, erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die Tiroler Tageszeitung das Schanzen-Geschehen.

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Aus den Fehlern der Tournee für die WM lernen

Beim abschließenden Tourneespringen in Bischofshofen wurden fast alle Erwartungen erfüllt: Kamil Stoch sicherte sich in einem packenden Finale souverän den Gesamtsieg vor Karl Geiger und die Österreicher erreichten mit Rang vier zumindest das beste Tagesergebnis bei dieser Tournee. Nach der überragenden Qualifikation hatte man sich allerdings mehr erhofft. Die Wettkampfschwäche des ÖSV-Teams wurde leider ein weiteres Mal offensichtlich und auch dass man stets zufrieden ist, erscheint mir nicht zielführend.

Ich hätte bei der diesjährigen Tournee gerne eine andere Rolle als die des einsamen Kritikers gespielt, denn das ÖSV-Team hat wirklich enormes Potenzial. Dass Cheftrainer Andreas Widhölzl bei seiner ersten Tournee Lehrgeld bezahlen musste, ist keine Schande. Entscheidend wird aber sein, welche Schlüsse er daraus zieht. Zumal es der erfahrene Betreuerstab an seiner Seite besser wissen hätte müssen. Für die Deutschen lief es ab Garmisch ebenso nicht mehr rund, doch diese zeigten offen ihre Enttäuschung darüber. Man scheut sich nicht davor, eine Schwäche als solche zu benennen.

Beim Skispringen geht es nicht nur um das sportliche und technische Training. Es gibt so viele Unsicherheiten und externe Einflussfaktoren, dass es ungemein schwierig ist, am Tag X seine beste Leistung zu erbringen. Die Sportler selbst flüchten sich gerne in Rituale und strikte Wiederholungen, um sich irgendwoher Sicherheit zu holen. Doch das ist trügerisch und es gibt genug Möglichkeiten, schon im Vorfeld seine Anpassungsfähigkeit zu trainieren. Wir waren als Betreuerteam in dieser Hinsicht sehr kreativ: Um in den Rhythmus einer Schanze schneller hineinzufinden, verbesserten wir das eigene Taktgefühl bei einem Trommel-Workshop. Um die Siegermentalität zu schulen, erfuhren die Athleten bei Schauspiel-Übungen am eigenen Leib, wie sich Statusgehabe anfühlt und was Führungsqualität ausmacht. Nicht zuletzt wurden der Umgang mit den Medien trainiert oder die Sportler vor der Saison neben der sportlichen auch einer zahnärztlichen Untersuchung unterzogen (um Ausfällen wie beim Norweger Marius Lindvik vorzubeugen).

Manches kam den Athleten lästig oder lächerlich vor, doch ein kompletter Sportler zu sein, bedeutet eben mehr, als sich nur mit Technik, Material und Kraft zu beschäftigen. Und Trainer zu sein, bedeutet eben auch, im Vorfeld alle Eventualitäten anzudenken, damit man durch unliebsame Überraschungen nicht aus der Bahn geworfen wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass jene, die beim Kampf um den Tourneesieg bis zum Schluss vorne mit dabei sind, danach einen Spannungsabfall erleben und sich kurzfristige Leistungseinbußen bemerkbar machen können. Andere, wie auch die ÖSV-Adler, werden diese Chance nutzen, dürfen sich ihrer aber nicht zu sicher sein. Denn bei der WM gewinnen wieder jene, die auch großem Druck standhalten können.

Beim Tournee-Finale zählen Weite und Taktik

Können sich die ÖSV-Adler heute für ihr bisher mäßiges Auftreten bei der Vierschanzentournee rehabilitieren? Die Chancen dafür stehen gut, denn Bischofs­hofen ist der erklärte Lieblingsbakken von Kraft, Hayböck, Huber und Co. Und das hat einen guten Grund: Die Schanze ist mit ihrem langen, flachen Anlauf einzigartig. Der Radius ist für die Athleten kaum zu spüren, anders als gewohnt müssen sie selbst eine gewisse Vorspannung aufbauen, um den Absprung perfekt zu erwischen. Zudem trainierte keine andere Nation öfter dort als die Österreicher, was heuer vor allem den Corona-bedingten Reisebeschränkungen geschuldet war.

Eine weitere Eigenart der Paul-Außerleitner-Schanze ist, dass viel größere Weiten- und Punkteabstände zwischen den Athleten möglich sind. Mit einem ausgezeichneten Sprung kann man sich deutlich von seinen Konkurrenten absetzen, was den Kampf um die Gesamtwertung noch einmal spannend machen kann. Die Polen sind zwar in bestechender Form und gerade Kamil Stoch und Dawid Kubacki erfahrene Gewinnertypen, doch ich schreibe Halvor Egner Granerud noch nicht ab. Sein Trainer Alex Stöckl ist ein Coach, der taktisch an einen Bewerb heran­geht, sich schon im Vor­­feld gut überlegt, was an Gate-Verschiebungen möglich ist. Granerud fehlen auf die Spitze 20,6 Punkte. Gregor Schlierenzauer gelang es mit so einem taktischen Schachzug 2013 in Innsbruck sogar, 23,2 Punkte aufzuholen und die Tourneewertung noch zu drehen. Doch für eine Verkürzung müssen die Bedingungen stimmen und der betroffene Sportler sich absolut sicher fühlen.

Österreichs Wettkampfschwäche gehört analysiert

Die Teamkollegen machen für Sieger Kamil Stoch im Auslauf die Welle, derselbe lässt sich beim anschließenden Gewinnerfoto vom ersten Verfolger in der Gesamtwertung, Dawid Kubacki, scherzhaft auf die Schulter klopfen. Was für ein großartiger Spirit herrscht in dieser polnischen Mannschaft, die das Tourneespringen in Innsbruck klar dominierte. Nur ein Slowene konnte die polnische Phalanx aufbrechen: Der Podestplatz von Anze Lanisek hatte sich schon länger angekündigt und wird ihm nach dem verhängnisvollen Griff in den Schnee von Garmisch von allen gegönnt.

Zwei Mitfavoriten stellten sich schon im ersten Durchgang selbst aufs Abstellgleis: Karl Geiger konnte sich nur langsam auf die neue Schanze einstellen, eine Schwäche, die sich schon in Garmisch bemerkbar gemacht hatte. Halvor Egner Granerud hingegen wollte vollgepumpt mit Selbstvertrauen seine Gegner „zerschmettern“ und überspannte für diese schwierigen Verhältnisse den Bogen. Die Österreicher dürfen mit ihrem Abschneiden in Innsbruck nicht zufrieden sein. Mit Maximilian Steiner zeigte zwar ein junger Athlet auf, doch der Rest legte dieselbe Wettkampfschwäche an den Tag, die schon bisher Spitzenplätze verhindert hat. 

Der Unterschied zwischen Training, Qualifikation und Wettkampf war gerade bei den Top-Athleten wie Kraft, Huber, Hayböck und Aschenwald eindeutig zu erkennen. Vorher anpassungsfähig und geschmeidig, wirkten sie beim Bewerb hart und daher unfähig, sich auf die Bedingungen mit Feingefühl einzulassen. Gerade in Innsbruck müssten sich die ÖSV-Adler doch ihrer Vorteile bewusst sein: Der Bergisel ist eine Heimschanze, auf der oft auch bei schlechten Bedingungen trainiert wird. Doch in der Analyse wird dann mit den wechselnden Winden gehadert, als wären die ÖSV-Adler als einzige diesen ausgesetzt. Wie schon beim Corona-Thema scheint man sich von der heimischen Berichterstattung davon anstecken zu lassen, sein Heil in Ausreden und Entschuldigungen zu suchen. Das österreichische Skisprung-Team ist so stark wie lange nicht, die Wettkampfschwäche gehört analysiert und mit Konzept angegangen. Jetzt muss man dies als Chance nutzen und wichtige Vorarbeit für die WM im Februar leisten.

Ein perfektes Drehbuch

Ein kaltschnäuziger Norweger, entfesselte Polen und ein deutsches Weltmeister-Duo, das an die Stätte seines Erfolges zurückkommt – ein besseres Drehbuch hätte man für Innsbruck nicht schreiben können. Gerade bei Granerud, Stoch, Kubacki und Zyla hatte ich gestern den Eindruck: Alle haben noch Reserven, auf die sie heute zurückgreifen können. Bei der Qualifikation nahmen sie ein gutes Gefühl mit, ohne sich am Limit bewegen zu müssen.

Schade, dass der Hexenkessel am Berg­isel leer bleiben muss, denn auch die ÖSV-Adler absolvierten eine vielversprechende Qualifikation: Zwölf von 13 ÖSV-Athleten sind dabei. Die Österreicher haben mit der Tournee noch eine Rechnung offen, und wo könnte man besser zeigen, was man kann, als auf einer Heimschanze?

Das gilt auch für Gregor Schlierenzauer. Was im Kopf des einstigen Rekordsiegers vorgeht, lässt sich nur schwer ausmalen. Seit der Vorsaison hat er den erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre, Werner Schuster, als Mentor an seiner Seite. Doch mit dem entscheidenden Schritt nach vorne will es bisher nicht klappen. Schlierenzauer hinterließ im Laufe seiner erfolgreichen Karriere viel verbrannte Erde. Er hat es mit vielen persönlichen Betreuern versucht und die Gründe für sein Formtief meist im Außen gesucht. Jetzt bleibt ihm nichts anderes mehr übrig, als eine ehrliche Innenschau zu halten.

Der ehemalige DSV-Trainer Schuster brilliert derzeit übrigens in einer anderen Rolle. Wer Skisprung-Berichterstattung auf einem neuen, professionellen Niveau erleben will, dem seien Schusters Kommentare auf Eurosport ans Herz gelegt: Fachlich auf dem allerneuesten Stand, abwechslungsreich, wortgewandt und locker bringt er frischen Wind und eine neue Sichtweise in die Szene. Der ehemalige Weltklasse-Trainer hat nicht nur Technik, Stärken und Schwächen der Sportler im Blick, sondern auch deren individuelle Entwicklung.

Die Polen haben für mich die Trümpfe in der Hand

Das Comeback der Polen ist perfekt – und das mit Schanzenrekord und den Rängen eins, drei und vier. Damit hat das Team um den frischgebackenen Vater Dawid Kubacki eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es in sportlicher Hinsicht für diese Vierschanzentournee ist. Aus österreichischer Sicht musste Stefan Kraft zum vierten Mal in Folge nach Garmisch die Gesamtwertung der Tournee abschreiben. Jetzt gilt es im ÖSV-Betreuerteam, sich voll auf Philipp Aschenwald zu konzentrieren und ihn mit der richtigen Siegermentalität auszustatten. Der Tiroler bleibt nach zwei stabilen Sprüngen zwar vorne dabei, doch jetzt muss er die Führungsrolle in der Mannschaft übernehmen. Für die Spitze fehlt ihm vor allem in der Flugphase der entscheidende Biss. Da kann er sich bei Tagessieger Kubacki viel abschauen, der sich auch in der Gesamtwertung wieder ins Spiel brachte. Die ersten vier bilden in meinen Augen im Moment eine eigene Liga, liegen nur rund neun Punkte auseinander.

Die besten Trümpfe haben für mich nun die Polen in der Hand, da sie mannschaftlich geschlossen stark auftreten und sich gegenseitig in ihrer Euphorie anstecken. Bei den Deutschen fand Karl Geiger nicht ganz in seinen Rhythmus hinein, kam aber mit einem blauen Auge davon. Markus Eisenbichler kann ihn zwar noch unterstützen, war aber nach seinem zweiten Sprung so richtig „angefressen“. Halvor Egner Granerud ist inzwischen zum Einzelkämpfer geworden, aber sein Absprung und seine Flugstabilität sind wirklich beeindruckend. Der Wettkampf in Innsbruck bringt also Spannung pur!   

Der Name Geiger steht für Nervenstärke und Konstanz

Was für ein kurioser Wettkampf! Die ersten fünf sind für mich keine Überraschung, wie ihre Platzierungen zustande kamen, aber schon. Mit einer Ausnahme: Sieger Karl Geiger. Wenn Nervenstärke und Konstanz derzeit einen Namen tragen, dann seinen. Als Skiflug-Weltmeister reiste er zur Geburt seines Kindes, kam dann in Quarantäne und nun zurück auf seine Heimschanze. Der Druck, der auf ihm lastete, war immens, aber der Deutsche ließ sich nicht einmal vom Rückenwind beirren. Beflügelt wurde er auch von der unglaublichen Aufholjagd seines Teamkollegen Markus Eisenbichler. Vom Nichtantritt direkt aufs Podest katapultierte sich Kamil Stoch. Zum Glück durften die Polen doch noch starten, der sportliche Wert hätte sonst definitiv gelitten.

Mentale Stärke war gestern entscheidend, weil der Anlauf in Bezug auf den Rückenwind absolut am Limit war. Viele Springer ließen sich dazu verleiten, mehr Kraft einzusetzen und insgesamt mehr Körperspannung aufzubauen. Dadurch geht das Gefühl für die Feinjustierung der automatisierten Bewegung verloren, der Oberkörper wird zu stark eingesetzt. Der Bewegungsablauf wirkt verkrampft und der Springer wird zusätzlich in der Luftfahrt gebremst. Genauso erging es leider auch Michael Hayböck, der sogar das Finale verpasste. Auch für den Zuschauer war es gestern schwer zu erkennen, welcher Sprung Qualität hatte und welcher nicht. Insgesamt dürfen die ÖSV-Adler aber mit ihrer Mannschaftsleistung zufrieden sein. Stefan Kraft bestätigte seine Favoritenstellung aus heimischer Sicht, auch wenn es für die Spitze noch nicht reichte.   

Adler können sich bei der Tournee zum Erfolg „pushen“

Mitten in meine Überlegungen zur heutigen Kolumne platzte die Nachricht, dass die polnischen Springer nicht in Oberstdorf antreten dürfen. Corona wirbelt nicht nur meine Favoritenliste durcheinander, sondern nach wie vor auch den sportlichen Vergleich. Leider musste man in der heurigen Saison davon ausgehen, dass aufgrund positiver Covid-Tests auch bei entscheidenden Bewerben Top-Athleten fehlen werden. Doch als Skisprung-begeisterter Zuseher und Experte möchte ich mir das Vergnügen spannender Wettkämpfe deshalb nicht nehmen lassen.

Die tief winterlichen Wetterbedingungen ließen bei der gestrigen Qualifikation noch keinen echten Leistungsvergleich der Favoriten zu. Die Schattenbergschanze ist auch sonst bekannt für ihre wechselnden Winde, zudem „streut“ sie aufgrund ihres charakteristischen Profils. Das bedeutet, dass sich gute Springer von ihren Konkurrenten deutlich absetzen können. Knappe Punkteabstände sind eher selten. Gestern wechselte der Wind allerdings so schnell, dass die Jury sogar auf Gate-Veränderungen verzichtete. Den Anlauf beließ man aus Sicherheitsgründen so kurz, damit niemand bei kurzfristigem Aufwind gefährlich weit springen konnte. Allerdings war die Gleitfähigkeit in der Anfahrt durch den Schneefall meistens so beeinträchtigt, dass die Athleten Mühe hatten, ihren Schwerpunkt zu halten. Das ist für einen Außenstehenden zwar nicht sichtbar, aber die Muskeln des Springers müssen ständig arbeiten, was sonst nicht der Fall ist.

Für mich zählen nach dem Ausfall der Polen und der gestrigen Qualifikation eindeutig norwegische und deutsche Athleten zu den heißesten Tourneekandidaten. Allen voran Halvor Egner Granerud, der im Moment über das effektivste und stabilste Flugsystem verfügt. Karl Geiger (Quali-14.) und Markus Eisenbichler (25.) überzeugten im Training und haben im Laufe der Saison bereits genug Selbstvertrauen getankt, um die gestrige Schlappe locker zu verkraften.

Bei den Österreichern zähle ich Philipp Aschenwald trotz des Qualifikationssieges nicht unbedingt zu den Favoriten. In dieser Rolle sehe ich vielmehr Daniel Huber, Stefan Kraft und Michael Hayböck. Die drei können sich gegenseitig zum Erfolg „pushen“. Dies ist eine Situation, die es im Lager der ÖSV-Adler schon lange nicht mehr gegeben hat. Ich freue mich schon darauf, was daraus entstehen kann, zumal auch der Rest des Teams für Überraschungen gut ist.   

Eine mutige Entscheidung von Widhölzl

Die sieben ÖSV-Starter bei der Vierschanzentournee stehen fest. Es war die erste Entscheidung des neuen Cheftrainers Andreas Widhölzl, die voll im Fokus der Öffentlichkeit stand. Dass Gregor Schlierenzauer nicht zum Team gehört, ist ein mutiger Schritt, denn die Mannschaft befindet sich in einem Prozess des Umbruchs und da gehört der Stubaier fürs Erste nicht dazu.

Schlierenzauer kann eines Tages wieder einen Weltcup gewinnen, aber nicht im Moment. Gleichzeitig bindet er im Team mit seiner Akribie unheimlich viele Energien an sich. Diese sind derzeit bei anderen besser aufgehoben: Der ÖSV tritt mit einer ganz starken Mannschaft an, deren interne Rollenverteilung sich erst bildet.

Der Leitwolf ist ohne Zweifel Stefan Kraft, der es mental und sportlich draufhat, direkt aufs Podest zu springen. Bei ihm bleibt nur fraglich, ob sein Körper mitspielt. Daniel Huber ist dabei, ebenfalls eine Führungsposition einzunehmen. In Engelberg musste er zwar zweimal Lehrgeld bezahlen, doch ich bin sicher, dass er daraus viel gelernt hat.

Michael Hayböck zeigt heuer grandiose Flugqualitäten. Er spielt seinen Status gerne herunter, aus Angst, beim Sprung „zu viel“ zu wollen. Doch tiefzustapeln bringt nichts, er muss sich selbst als Sieger sehen. Dasselbe gilt für Philipp Aschenwald, der zuletzt ins Hintertreffen geraten ist.

Markus Schiffner und Thomas Lackner bekommen heuer die Chance, auf die sie so lange hingearbeitet haben. Sie werden diese nicht ungenutzt lassen. Der Siebte im Bunde ist Jan Hörl, dem ich sehr viel zutraue. Er wäre in ausgezeichneter Form in den Weltcup gestartet und musste zwei Disqualifikationen hinnehmen. Die Erfolge im Continental-Cup brachten den 22-Jährigen ins Team zurück.   

Keine Ruhe vor der Tournee im ÖSV-Adler-Horst

Keiner aus dem ÖSV-Springerlager wird mit der erhofften Ruhe und Selbstsicherheit in die Weihnachtspause gehen: Die traditionelle Generalprobe für die Vierschanzentournee in Engelberg verlief durchwachsen.

Grobe oder eingeschliffene Fehler lassen sich bei der Analyse unserer Springer kaum finden. Doch was mich stört, ist, dass die Sprünge bei den meisten ÖSV-Athleten fast schablonenhaft aussehen. Die Sportler wollen der Schanze und den Windbedingungen „ihren“ Sprung aufzwingen. Sie lassen sich nicht auf den individuellen Rhythmus der Schanzen und die jeweiligen Rahmenbedingungen ein.

Ein Spitzenspringer ist anpassungsfähig und kann kleine Fehler leicht kompensieren, ohne sich verunsichern zu lassen. Diese Qualität haben beim ÖSV Stefan Kraft und Daniel Huber. International gesehen kommen zur Tournee nun immer mehr Springer an dieses Niveau heran. Technisch, körperlich und vom Material her sind die Österreicher am neuesten Stand, man hat nichts versäumt. Jetzt ist entsprechendes Coaching gefragt. Die ÖSV-Adler sind so breit aufgestellt wie schon lange nicht mehr. In Engelberg hat man sich aber zu billig verkauft, das muss bei der Tournee anders werden.

Bestens eingestellt starteten hingegen die ÖSV-Damen in den Weltcup. Drei Top-Ten-Plätze, davon ein Sieg durch Marita Kramer lautet die beeindruckende Bilanz des ersten Wettkampfs. Das Team um Cheftrainer Harald Rodlauer springt entfesselt und mit so viel Freude, dass sich die Herren bei ihnen eine Scheibe abschneiden könnten. Dabei fehlten mit Eva Pinkelnig und Jacqueline Seifriedsberger zwei Spitzenathletinnen. Verläuft ihre Genesung plangemäß, könnte sich sogar ihr Einsatz bei der Weltmeisterschaft in Oberstdorf im Februar sogar noch ausgehen.   

Vorbild Kofler sollte Talent Kahofer Mut machen

Das wünscht man keinem jungen hoffnungsvollen Skisprungtalent, dass es bei einer Weltmeisterschaft im Teamwettbewerb zur Notlandung ansetzen muss. Timon-Pascal Kahofer musste aufgrund der vielen Corona-Fälle im ÖSV ins kalte Wasser springen und wollte sich von seiner besten Seite zeigen. Das ist dem Vomper leider nicht gelungen, auch wenn er mit einer versöhnlichen Weite abschließen konnte. Auf den riesigen Druck, den ein solches Großereignis mit sich bringt, war Kahofer mit Sicherheit nicht vorbereitet. Zum Trost sei ihm in Erinnerung gerufen, dass dem jungen Andreas Kofler bei der Skiflug-WM 2006 am Kulm fast dasselbe passiert war. Welche Karriere für Kofler dann noch folgte, sollte auch Kahofer wieder Mut geben.

Seine Teamkollegen hatten es Kahofer zu Beginn des ersten Durchgangs aber auch nicht leicht gemacht: Gregor Schlierenzauer und Philipp Aschenwald hatten bereits einen Rückstand von 62,4 Punkten zu verbuchen gehabt. Kahofer wusste, es lag nun an ihm, die Chance auf eine gute Platzierung zu wahren.

Vor allem für Schlierenzauer wird nach dieser Weltmeisterschaft der Druck noch größer werden. Die Nominierung für Planica hatte er wohl den Corona-Ausfällen zu verdanken, doch der Stubaier konnte seine Chance nicht nutzen. Der seit Jahren erhoffte Schritt nach vorne blieb wieder aus. Für das kommende Wochenende stehen nun wieder alle Athleten, sowohl vom A- als auch vom B-Kader, zur Verfügung, sofern Stefan Kraft seine Rückenprobleme in den Griff bekommt. Da werden jene Schlierenzauer den Platz streitig machen, die bereits für die WM eine bessere Form aufgewiesen hätten: Daniel Huber, Markus Schiffner und Thomas Lackner.

Der Sieg ging dank einer taktischen Meisterleistung von Trainer Alex Stöckl verdient an Norwegen. Eine freiwillige Verkürzung um zwei Luken birgt enormes Risiko, wie man bei Karl Geiger sah, der die Sollweite nicht erreichte. Hätte sich Stefan Horn­gacher beim Anlaufpoker nicht mitreißen lassen, dann hätte Geiger mit einer Luke mehr Anlauf vermutlich Gold für Deutschland geholt.   

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