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Alexander Pointner

Mut zum Absprung

Kolumne von Alexander Pointner: Mut zum Absprung

Alexander Pointner, erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die Tiroler Tageszeitung das Schanzen-Geschehen.

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Andreas Widhölzl täte gut daran, sich völlig neu aufzustellen

Elf mickrige Punkte fehlten der besten Skispringerin dieses Winters, um die begehrte große Kristallkugel in Händen halten zu dürfen. Sara Marita Kramer gewann alle Einzelbewerbe der abschließenden „Blue Bird Tour“ in Russland und musste sich doch mit dem dritten Gesamtrang begnügen. Wer Sara kennt, weiß, dass sie damit nicht zufrieden sein wird, auch wenn der Rückstand durch den falsch positiven Corona-Test von Rasnov zustande kam.

Die ÖSV-Damen haben insgesamt eine erfolgreiche Saison vorzuweisen und gewannen auch den Nationencup. Der Wechsel in der Leaderposition (Kramer löste die nach wie vor bärenstarke Daniela Iraschko-Stolz ab) tat dem ganzen Team gut: Wenn alte Strukturen aufgebrochen werden, ist Platz für neue Impulse. Auch das Lehrgeld, das man bei der WM gezahlt hat, wird gerade Kramer auf lange Sicht noch stärker machen: Welche Spitzenathletin hat in so jungen Jahren so viele Erfolge und so viel Erfahrung vorzuweisen?

Bei den Herren gehören trotz Corona nun die nackten Zahlen auf den Tisch: Im Gesamt-Weltcup ist Daniel Huber als Bester Zwölfter, im Nationencup belegen die ÖSV-Adler nur Rang vier. Es gab keinen einzigen Weltcupsieg im Einzel, im Team immerhin zwei. Krafts WM-Goldmedaille glänzt angesichts dieser Tatsachen umso heller: Der Ausnahmeathlet der letzten Jahre rettete mit einer Meisterleistung eine der schlechtesten Weltcup-Saisonen der letzten Jahrzehnte.

Auch beim Weltcup-Abschluss in Planica, der vom schweren Sturz des Norwegers Daniel Andre Tande überschattet wurde, konnten die ÖSV-Herren nur einen vierten Platz durch Michael Hayböck verbuchen. Ganz typisch für diesen Winter: Hayböck hatte das Training noch dominiert …

Österreichs Skispringer haben enormes Potenzial, doch es braucht eine strategische Neuausrichtung, um dieses auch ausschöpfen zu können. Zumal in den nächsten Jahren das erfolgreiche Team der Junioren-WM um den Anschluss an die Weltspitze kämpfen wird. Deren innovativer Trainer Thomas Thurnbichler war in Planica zumindest schon dabei. Doch für mich wäre es zu kurz gegriffen, Thurnbichler als zweiten Co-Trainer in das bestehende Betreuerteam einzufügen. Dort kocht man schon viel zu lange im eigenen Sud, man ist mit allem zufrieden, es fehlt der Biss für die absolute Spitze. Andreas Widhölzl täte angesichts der anstehenden Olympia-Saison gut daran, sich völlig neu aufzustellen.   

Lamparter und Kramer geben die Richtung vor

Sieben Medaillen bei der WM in Oberstdorf – mit dieser stolzen Bilanz steht die nordische Sektion des ÖSV der alpinen erfreulicherweise um nichts nach. Dass die Skisprung-Herren auf der Großschanze Gold und Silber beisteuern würden, damit haben im Vorfeld wohl nur große Optimisten gerechnet. Die völlig verkorkste Saison findet so einen versöhnlichen Abschluss – egal ob man nun in die psychologische oder in die materialtechnische Trickkiste gegriffen hat. 

Im Nachhinein habe ich da meine Zweifel, denn grundsätzlich gilt ein Pfeifen in der Aerodynamik als absolut nachteilig. Ob also die Anzüge wirklich der Grund dafür waren, wird vermutlich nie geklärt werden. Zumal die Golfball-Struktur bei diversen Sponsoraufschriften nicht durchschien. Trotzdem: Alles in allem ein geglückter Schachzug.

Die Kohlen aus dem Feuer holte einmal mehr Stefan Kraft. Es war bewundernswert, wie er innerhalb kürzester Zeit zu jener stabilen Qualität zurückfand, die man von ihm gewohnt ist.

Dass dies auch in Zukunft nicht mehr so einfach sein wird wie in jungen Jahren, zeigen seine massiven Rückenprobleme. Auch nach dem Teambewerb, der mit einem packenden Finale endete, musste Kraft zugeben, dass er seinen Körper deutlich spüre. Der große Erfolg nimmt dem ganzen Team eine schwere Last, birgt aber auch eine Hypothek für die Zukunft. Wer erfolgreich ist, an den werden höhere Erwartungen gestellt. Es braucht einen oder mehrere Athleten, die eine ähnlich stabile Qualität wie Stefan Kraft entwickeln können.

Der Druck muss dringend auf mehrere Schultern verteilt werden. Die aktuelle Mannschaft hat das Potenzial dazu. Große Hoffnungen setze ich aber auch auf die vielversprechende Generation der rund 20-Jährigen um den innovativen Nachwuchstrainer Thomas Thurnbichler. Gerade wenn man beachtet, welch herausragende Leistungen Johannes Lamparter bei den Kombinierern und Sara Marita Kramer bei den Damen abliefert, dann darf man auch im Spezialspringen auf neue Ausnahmetalente hoffen.

Reibung erzeugt auch weite Sprünge

Was für ein packendes Finale! Erst mit dem letzten Springer entschied sich am Samstag der Teambewerb von der Großschanze in Oberstdorf. Österreichs Adler machten mit Silber ihre Medaillensammlung komplett. Die große Überraschung für mich war Deutschland, das seinen Titel von 2019 verteidigte. Selten hat mich ein Wettkampf so mitgerissen wie diese Entscheidung. Für die Medaillenränge durfte man sich keinen groben Schnitzer erlauben. Die ÖSV-Adler überzeugten mit einem geschlossen starken Auftritt, die Athleten zeigten sich kämpferisch, aber auch selbstkritisch. Zum letzten Höhepunkt dieser Saison hat man nun endlich den richtigen Team-Spirit gefunden.

Wenn Cheftrainer Andreas Widhölzl etwas aus dieser WM gelernt hat, dann, dass es auch innerhalb einer Mannschaft eine gewisse Reibung braucht. Der interne Qualifikationsdruck für die Großschanze sorgte für ordentlichen Aufruhr, dem sich alle stellen mussten. Auch der Trainerstab, der eine harte Entscheidung zu fällen hatte. Bei den „Superadlern“ hieß es damals: Wer sich intern durchsetzt, der hat im Außen kaum etwas zu fürchten. Jan Hörl war gestern anfangs trotzdem extrem nervös, wie er im Interview erzählte, machte dann aber einen seiner besten Sprünge. Seine Sinne seien ungewohnt wach gewesen, meinte er – so lernt ein Athlet, mit welchem persönlichen Aktivierungslevel er die beste Leistung abrufen kann. Für ihn als jungen Springer freut es mich besonders, dass er sich die Silbermedaille umhängen darf.

Bei den Deutschen fühlte ich vor allem mit Severin Freund mit. Sein schwieriges Comeback nach zwei Kreuzbandrissen wurde gestern belohnt. Insgesamt kann sich die WM-Bilanz des ÖSV-Springerlagers mit vier Medaillen wirklich sehen lassen.   

Goldsprung mit Pfiff: ÖSV griff in die Wunderkiste

Das pfeifende Geräusch der österreichischen Sprunganzüge war gestern das große Thema bei sämtlichen Beobachtern im TV und vor Ort. Für Österreichs Adler kam der Griff in die Material-Wunderkiste zum richtigen Zeitpunkt: Stefan Kraft kürte sich im Schneesturm von Oberstdorf zum Weltmeister. Doch ein spezieller Anzug springt nicht von alleine, da braucht es auch die stabil starken Sprünge, die Kraft auf der Großschanze konsequent gezeigt hat. Karl Geiger und Robert Johansson starteten im zweiten Durchgang noch einmal einen Generalangriff, doch der ÖSV-Adler ließ sich dank seiner Routine den Sieg nicht mehr nehmen.

In der Forschungsabteilung des ÖSV, von Toni Giger seit 2010 aufgebaut, hatte man schon länger an einer speziellen Struktur, die der Oberfläche eines Golfballes ähnelt, getüftelt. Was auf der Normalschanze aufgrund der geringeren Geschwindigkeit noch nicht so greifen konnte, entwickelte auf dem großen Bakken nun seine volle Wirkung. Bereits bei der Nordischen Kombination waren andere Nationen auf den speziellen Anzugstoff der Österreicher aufmerksam geworden. Zu wissen, dass man in einem bestimmten Bereich einen Entwicklungsvorteil hat, bringt nicht nur einen aerodynamischen, sondern auch einen psychologischen Vorteil: Man fühlt sich selbst stärker, während die anderen unsicher werden.

Daniel Huber fehlte im entscheidenden Moment noch die nötige Routine. Der zweite Sprung war zwar mutig, aber zu verwegen und ungeduldig. Doch die Freude im ÖSV-Team wird gestern trotzdem ungetrübt gewesen sein: Für alle fällt mit dieser Goldmedaille eine große Last ab. Zudem lässt das gute Ergebnis für den Team­bewerb auf Großes hoffen.   

Gute Qualifikation, aber nur der Wettkampf zählt

Die Karten für den heutigen Einzelbewerb der Herren von der Großschanze sind neu gemischt. Der große Favorit, Halvor Egner Granerud, fehlt und bringt damit das Gefüge an der Spitze des Skisprungzirkus gehörig durcheinander. Einer, der dies ausnützen könnte, ist Stefan Kraft, der gestern sowohl den Probedurchgang als auch die Qualifikation gewann. Beste Voraussetzungen also für eine Medaille heute – wären da nicht die Erfahrungen der letzten Monate. Wie oft schon haben die Österreicher Training und Qualifikation dominiert, um dann beim Wettkampf an der eigenen und öffentlichen Erwartungshaltung kläglich zu scheitern. Zumal sich die anderen Favoriten nicht in die Karten schauen ließen: Sowohl bei Piotr Zyla und Dawid Kubacki als auch bei Anze Lanisek waren gestern klar Reserven erkennbar. Auch auf die Deutschen darf auf ihrer Heimschanze nicht vergessen werden.

Während die dominierenden Nationen bei Training und Qualifikation meist mit angezogener Handbremse sprangen, um Schanze und Verhältnisse einmal abzutasten, schienen die ÖSV-Adler stets mit vollem Elan zur Sache zu gehen. Nach dem Motto: Jetzt zeigen wir, dass wir es können. Die Hoffnung auf den berühmten Flow durch gute Trainings­sprünge erwies sich dabei bisher als trügerisch. Mit dem Wettkampfdruck nahm jedesmal die Anspannung zu und das Körpergefühl ab.

Cheftrainer Andreas Widhölzl fand bis jetzt kein Rezept gegen dies­e Wettkampfschwäche, ÖSV-intern wurde sie als Pechsträhne abgetan. Dazu möchte ich anfügen, dass Widhölzl in einer sehr schwierigen Situation steckt. Während ich in meinen Anfängen mit Anton Innauer einen erfahrenen Sportdirektor, Trainer und Sportler in einer Person an meiner Seite hatte, kann Widhölzl in dieser Hinsicht niemand den Rücken stärken. Sämtliche Cotrainer mussten noch nie selbst Verantwortung übernehmen. Mario Stecher kann zwar bei den Kombinierern seine Expertise als Sportler einbringen, als Trainer hat er allerdings keinerlei Erfahrung. Aus jetziger Sicht war es eine gute Entscheidung Widhölzls, vor der WM Rasnov auszulassen und in Planica zu trainieren. Die Qualität der Sprünge nahm wieder deutlich zu, nachdem man zuletzt nicht einmal mehr die gute Basis aus dem Sommer umsetzen hatte können.

Der interne Qualifikationsdruck gewann an Schärfe, da Widhölzl für die Großschanze im Vorfeld niemanden fix besetzt hatte. Dass Daniel Huber auf der Normalschanze nicht zurechtkam und trotzdem aufgrund von vorauseilenden Zusagen aufgestellt wurde, hatte dem Cheftrainer viel an Spielraum genommen. Jetzt mussten alle um einen Startplatz kämpfen und den entsprechenden Siegeswillen an den Tag legen. Dass die Nerven blank liegen, zeigt der Umstand, dass der für den Einzelbewerb nicht nominierte Michael Hayböck vorzeitig die Heimreise antrat. Ein No-Go für mich, zumal der Oberösterreicher ein prädestinierter Teamspringer ist und für den Mannschaftsbewerb noch wertvoll hätte sein können.   

„Flow“ riss zum ungünstigsten Zeitpunkt

Die großen Favoriten sind bei dieser WM geschlagen: Halvor Egner Granerud kann aufgrund einer Covid-Infektion nicht mehr starten und Sara Marita Kramer musste sich gestern zum wiederholten Mal mit einem bitteren vierten Rang zufriedengeben. Das Niveau dieses ersten Großschanzenbewerbs bei den Damen war extrem hoch, die Bedingungen nicht einfach und so gab schlussendlich die Routine den Ausschlag: Maren Lundby holte vor Sara Takanashi Gold. Bis zum Probesprung hatte Kramer ihre Favoritenrolle klar verteidigt, doch dann schien der Flow zu reißen.

Vielleicht hatte sie die Anlaufverkürzung von Cheftrainer Harald Rodlaue­r verunsichert, bei der Kramer nicht auf die Sollweite gekommen war. Ich weiß aus Erfahrung, dass dies – auch wenn der Probesprung nicht zählt – vor allem junge Athleten und Athletinnen irritieren kann. Skispringen ist so ein sensibler Sport, schon leichte Unsicherheiten können unter großem Druck zur Verkrampfung führen.

Die bewusste Verkürzung des Anlaufs durch den Trainer ist immer ein Spiel mit dem Feuer. Doch da die Jury beim ersten Bewerb auf die enormen Weiten Kramers keine Rücksicht genommen hatte und dann eine Fehlentscheidung traf, war Rodlauer gezwungen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Damit wurde der passende Anlauf zum dominierenden Thema. Zudem hat Kramer bei der Landung großes Entwicklungspotenzial, der Telemark funktioniert bei großen Weiten (noch) nicht.

Es ist extrem schade, dass bei den Herren der beste Springer der Saison fehlen wird. Ich hoffe, dass bei den ÖSV-Adlern die Corona-Jammerei nun endlich der Vergangenheit angehört: Es gibt einen deutlich schlechteren Zeitpunkt für eine Infektion als den Saison­beginn. Seit November ist genug Zeit vergangen, um in einen Wettkampf-Rhythmus hineinzufinden.   

Insgeheim hat man sich beim ÖSV sicher mehr erwartet

Die Damen lieferten die Kür, die Herren nur die Pflicht – das österreichische Mixedteam holte zwar die erhoffte Medaille, diese glänzte aber nicht in der gewünschten Farbe. Natürlich gehört jede Medaille gefeiert, doch insgeheim hatte man sich beim ÖSV sicher mehr erwartet.

Die Damen, allen voran Marita Kramer, springen in Höchstform. Für Kramer war die Bronzene genauso wie für Daniela Iraschko-Stolz eine Zugabe. Beide haben bereits Team-Gold, der Erwartungsdruck ist längst abgefallen. Mit dieser Gewissheit im Rücken könnte sich Kramer auf der Großschanze nun auch zur Einzel-Weltmeis­terin krönen. Ihr außerordentliches Fluggefühl kommt dort noch besser zur Geltung und die beginnende Schuhrandprellung sollte für diesen einen entscheidenden Bewerb in den Griff zu bekommen sein. Kramer will die Beste sein und das wird sie auch unter Beweis stellen.

Ganz anders sehe ich die Situation bei den Herren. Sie können zwar jetzt eine Medaille vorweisen – ein Befreiungsschlag, wie Cheftrainer Andreas Widhölzl prognostizierte, war dieser Mixed-Bewerb allerdings nicht. Stefan Kraft und Michael Hayböck verloren in beiden Durchgängen gegenüber den Führenden an Boden.

Kraft belegte in seiner Gruppe zweimal nur den fünften Rang, Hayböck wurde einmal Sechster und einmal Vierter. Auf die Slowenen zu verweisen, die als Mitfavoriten leer ausgingen, macht die eigen­e Leistung nicht besser.

Lieber sollte man an die Spitze schauen: Was haben diese Deutschen, was wir nicht haben? Wie kann es unter größtem Druck (noch dazu bei der Heim-WM) gelingen, eine Euphorie zu entfachen, die alle mitreißt?

Die deutschen Herren hatten vor der WM ihre Form völlig verloren, die Damen bisher nie gefunden. Und trotzdem brachten beim Mixed-Bewerb alle ihre Leistung auf den Punkt. Ich hätte Deutschland trotz Silber für Karl Geiger auf der Normalschanze für diesen Bewerb nie auf der Medaillen-Rechnung gehabt – im Gegensatz zum österreichischen Team, dem ich die Goldene zugetraut hätte.

Es braucht extremen Siegeswillen

Eine WM schreibt bekanntlich eigene Gesetze, doch die Österreicher konnten diese nicht nutzen. Obwohl sich zahlreiche Favoriten zunächst weit hinten einreihten, war für die ÖSV-Adler nichts zu holen. Dafür ließen die Medaillengewinner, allen voran Piotr Zyla und Karl Geiger, ihren Emotionen erfrischend freien Lauf.

Grundsätzlich war ich von der Art und Weise, wie das ÖSV-Team auf diese erste Herausforderung heranging, positiv überrascht. Alle vier zeigten Kampfgeist und Siegeswillen, schließlich zählen bei einer Weltmeisterschaft nur Medaillen.

Für die Spitze reichte es leider nicht, was daran liegt, dass eine andere mentale Strategie nicht von heute auf morgen greift. Sie gehört trainiert und verinnerlicht, damit sie auch unter größtem Druck greift. Wenn ein Spitzensportler wie Michael Hayböck in einem Werbespot davon spricht, dass für ihn das Gewinnen nicht entscheidend ist, sondern mit Haltung zu verlieren, dann stellt es mir als Trainer die Haare auf.

Natürlich ist es menschlich wichtig, ein fairer Verlierer sein zu können, doch ein Spitzensportler braucht extremen Siegeswillen, sonst wird er nie erfolgreich sein – und kann schlussendlich nicht von seinem Sport leben. Wie beides funktionieren kann, zeigte zuletzt Sara Marita Kramer, die heute das Mixedteam zu einer weiteren Medaille führen kann.   

Wenn der Mann an der Ampel seine Spielchen treibt

Das war eine professionelle Antwort auf sportlicher Ebene, die Österreichs Skispringerinnen gestern auf den fragwürdigen Einzelbewerb gaben. Bei ihrer Goldmedaille im Teamspringen wuchsen alle vier Athletinnen über sich hinaus und vor allem Sara Marita Kramer, die im Einzel ihrer Chance auf Gold beraubt wurde, zeigte Nerven aus Stahl. Cheftrainer Harald Rodlauer hatte seinen Ärger am Donnerstag auf der Schanze gelassen und sein Team bestens neu eingestellt. Die Gemüter der restlichen ÖSV-Verantwortlichen kamen ob der Ereignisse beim Einzel aber noch lange nicht zur Ruhe. Die FIS hat sich und dem Skisprungsport mit der nicht nachvollziehbaren Verkürzung vor der letzten Athletin einen Bärendienst erwiesen. 

Als die Wind-Gate-Regelung eingeführt wurde, galt als oberste Prämisse, dass diese nicht dazu benutzt werden darf, um den Ausgang eines Sprungbewerbs bewusst zu manipulieren. Genau dies ist beim Damen-Einzel geschehen. Es gab für die Jury im zweiten Durchgang keinen Anlass, um über eine Verkürzung des Anlaufs zu beraten, denn niemand hatte bis dorthin 95 Prozent der Hillsize (101 m) übersprungen. Dennoch überlegte Miran Tepes, der Mann an der Ampel, vor Kramer nicht lange und überzeugte die Jury von einer Verkürzung. Anscheinend hatte sich der Wind kurz gebessert – tatsächlich fand die ÖSV-Athletin aber schlechtere Bedingungen vor als die spätere Weltmeisterin Ema Klinec (SLO). Einen entscheidenden Fehler hatten die FIS-Verantwortlichen allerdings schon im ersten Durchgang gemacht. Da war Klinec vor Kramer bereits 105 Meter gesprungen. Zu diesem Zeitpunkt hätte verkürzt werden müssen, da Kramer die Slowenin in Training und Qualifikation durchschnittlich um zweieinhalb Meter abgehängt hatte. In Kauf zu nehmen, dass für die Führung ein neuer Schanzenrekord fällig ist, birgt für mich jedoch ein viel zu großes Risiko. Kramer hatte bei der Landung ihres Rekordsprunges im Flachen sehr zu kämpfen, was wertvolle Punkte kostete. 

Miran Tepes hat als Assistent der Renndirektorin maßgeblichen Einfluss auf die Jury, auch wenn er dieser nicht angehört. Ich selbst habe mich zehn Jahre lang über viele fragwürdige Entscheidungen des Slowenen geärgert. Als er bei den Herren als Offizieller schließlich nicht mehr tragbar war, wurde er zu den Damen versetzt und treibt nun dort seine Spielchen weiter. Das ist sehr schade für unseren Sport.

Starke ÖSV-Damen geben den Herren die nötige Sicherheit

Im ÖSV herrscht nach den vielen Medaillen bei der Biathlon- und der alpinen Ski-WM Hochstimmung – ein Gefühl, das nun auch das österreichische Skisprungteam beflügeln könnte. Die Skispringerinnen kämpfen morgen als Erste um Medaillen bei der Nordischen Weltmeis­terschaft in Oberstdorf und ihre Chancen stehen gut – auch wenn die bisher überragende Weltcupführende Sara Marita Kramer das Leader-Trikot zuletzt aufgrund unglücklicher Umstände abgeben musste. Widersprüchliche Ergebnisse beim Covid-Test verhinderten den Start in Rasnov und zehrten arg an den Nerven der 19-Jährigen. Doch das erfolgreiche Comeback von Eva Pinkelnig, deren Karriereende nach einem Milzriss schon im Raum stand, sollte für den nötigen Aufwind im Team von Harald Rodlauer sorgen. Das Strahlen und die Motivationsgabe der Vorarlbergerin werden bestimmt wie schon bei der WM in Seefeld alle mitreißen. Einziger kritischer Punkt bleibt für mich der schon einmal beanstandete Sprunganzug von Kramer. Normalerweise wechseln Topathleten ihre Anzüge fast alle zwei Wochen, da ein neuer Stoff für mehr Auftrieb sorgt. Doch für Kramer ist „ihr“ Anzug seit dem Herbst der absolute Erfolgsgarant – ein Glücksbringer, den sie auf keinen Fall auswechseln möchte.

Auf den Team-Spirit baute auch ich selbst, als ich in meinem ersten Jahr als Cheftrainer 2005 zur WM ebenfalls nach Oberstdorf reiste. Trotz zweier Siege und 16 Podestplätzen im Vorfeld war das öffentliche Vertrauen in mich nicht besonders groß. Die Erwartungshaltung an die ÖSV-Adler war damals immens und ist mit heute kaum vergleichbar. Das aktuelle Team um Neotrainer Andreas Widhölzl hat in Planica gut trainiert, kommt aber dennoch nicht mit den besten Voraussetzungen zur WM. Topspringer Stefan Kraft schwächelte zuletzt und von den anderen drängte sich ebenfalls niemand auf. Die große Chance bei der WM ist der Mixed-Bewerb am Sonntag. Gemeinsam mit den starken Damen ist eine Medaille fast sicher und kann innerhalb des Herrenteams für die nötige Sicherheit sorgen. Von einer Medaille beflügelt, springt es sich für Kraft und Co. leichter, zumal die Wettkampfschwäche gerade unter großem Druck heuer offensichtlich war.

Ob man mit dem Training in Planica die richtige Entscheidung getroffen hat, wird sich erst bei der WM zeigen. Hoffentlich gibt es auch bei den Herren kein Problem mit dem Material. Beim letzten Bewerb vor einer Großveranstaltung werden die Anzüge der Top-Athleten erfahrungsgemäß noch einmal auf Herz und Nieren geprüft, wie die Disqualifikationen von Halvor Egner Granerud und Markus Eisenbichler in Rasnov zeigten. Wer also gut durch diese Prüfung gekommen ist bzw. Fehler behoben hat, kann mit einem sicheren Gefühl bei der WM starten.   

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