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Alexander Pointner

Mut zum Absprung

Kolumne von Alexander Pointner: Mut zum Absprung

Alexander Pointner, erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die Tiroler Tageszeitung das Schanzen-Geschehen.

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Die Zeit ist nun reif für Cheftrainer Widhölzl

Wie wird es mit dem Spitzensport nach der Corona-Krise weitergehen? Ohne finanzstarke Partner aus der Wirtschaft werden viele Großveranstaltungen, Wettkampfserien und auch viele Trainingskurse nicht mehr finanzierbar sein. Daher steht auch der Skisprungsport vor einer ungewissen Zukunft. Eine wichtige Entscheidung wurde dennoch gestern innerhalb des ÖSV getroffen: Das Skisprung-Nationalteam bekommt mit Andreas Widhölzl einen neuen Cheftrainer. 

Der Tiroler hat sich sein Basiswerkzeug nach seiner erfolgreichen Sportlerkarriere gewissenhaft und akribisch angeeignet. Er arbeitete sowohl mit dem Nachwuchs im Skigymnasium Stams als auch im ÖSV, führte heuer als B-Kader-Trainer Clemens Leitner zum Gesamtsieg im Continentalcup. Bereits als Co-Trainer unter meiner Ägide äußerte er erste Ambitionen auf den Posten als Cheftrainer. 

Jetzt, sechs Jahre später, ist es so weit. Widhölzl ist in dieser Zeit sicher gereift, und umgekehrt ist die Zeit für ihn jetzt reif, die Nachfolge von Andreas Felder anzutreten. Systemintern ergeben sich durch diese Rochade zwar kaum Veränderungen, da das restliche Betreuerteam gleich bleibt, ich verspreche mir aber dennoch einige Neuerungen. 

Denn ich habe Andreas Widhölzl als ehrgeizigen Athleten erlebt, der nicht einfach andere kopieren wollte. „Swida“ war stets ein Tüftler, der nach eigenen Optimierungen und nach neuen Wegen suchte. War er von einer Idee überzeugt, so tat er dies mit viel Sicherheit und Klarheit. Diese Charakterstärke werden sowohl die Athleten als auch der Skisprungsport an sich in der kommenden Saison brauchen. 

Das Team um Stefan Kraft kann sowohl für die Wirtschaft als auch für Sportbegeisterte eine gute Identifikationsmöglichkeit bieten, mit Werten, die auch nach der Corona-Krise mitgetragen werden können. Es gilt, den guten mannschaftlichen Zusammenhalt und den leichten Aufwärtstrend fortzuführen. Doch die Arbeit als verantwortlicher Cheftrainer ist in diesem Punkt um einiges komplexer als das Wirken in der zweiten Reihe. Mediale Interessen wollen ebenso bedient werden, wie jene der (hoffentlich vorhandenen) Sponsoren. Und nicht zuletzt heißt es auch, um den Stellenwert innerhalb des ÖSV zu kämpfen, denn dort werden die finanziellen Mittel verteilt.

Ausstieg aus dem Hamsterrad lohnt sich

Stefan Kraft durfte den Lohn für seine Leis­tung – zwei Weltcupkugeln – bereits entgegennehmen. Bis dies die Skisprung-Damen gemeinsam tun können, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Die Freude über den gewonnenen Nationencup ist vermutlich genauso groß. Krisen wie die heutige zeigen auf, dass es auch im Sport nicht immer große Feierlichkeiten und pompöse Partys geben muss. Wenn das Wissen und die Genugtuung darüber, etwas Besonderes geleistet zu haben, tief aus dem Inneren kommt, braucht es nicht unzählige Schulterklopfer. 

Den wahren Wert des Sports, nämlich das Selber-Tun, erkennen jetzt viele Menschen, die gezwungen sind, zuhause zu bleiben. Dafür gibt es zum Glück viele Initiativen von Sportbegeisterten, die ihre In-door-Trainingsvorschläge nun online zur Verfügung stellen. Auch Yoga- und Atemübungen sind dabei – alles ist wichtig, um Lagerkoller zu vermeiden. 

Dass die momentane Situation Angst und Verunsicherung wachsen lassen, ist nur zu verständlich. Auch verbale Aggressionen entladen sich – vor allem im Internet. Soziale Kontrolle ist gut und wichtig, doch das gegenseitige Beschuldigen (Wer hält sich an die Regeln?) bringt niemanden weiter. Da kann auch passiver Sportkonsum zur Ablenkung helfen, obwohl im Augenblick nur Wiederholungen zu sehen sind.

In Zeiten wie diesen wird deutlich, welchen sozialen Wert Sport, Kultur und Unterhaltung haben. Doch es ist auch klar, wo die Prioritäten liegen, wenn es hart auf hart kommt. Ich hoffe, dass es in sportlicher Hinsicht nach der Krise ein Umdenken geben wird. Wir brauchen nicht noch mehr und noch größere Veranstaltungen. Es muss nicht immer noch mehr, noch härter und noch intensiver trainiert werden. Wichtig sind Pausen, um zur Ruhe kommen zu können.

Sich selbst zu spüren, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, bringt oft mehr als der 100. Sprung – um bei meiner Sportart zu bleiben. Eine Zwangspause bringt andere, vor allem mentale Herausforderungen mit sich. Doch es lässt gerade Leistungssportler erkennen, dass sich ein Ausstieg aus dem Hamsterrad lohnt und dass die Welt nicht untergeht, wenn man ein Training verpasst.

Damen haben bessere Karten

Der Skisprung-Weltcup biegt in die Zielgerade. Bei der Raw Air geht es sowohl bei den Damen als auch bei den Herren darum, die Führung in Einzel- und Nationenwertung in trockene Tücher zu bringen. Die besseren Karten haben dabei die heimischen Frauen: In der Teamwertung sind sie nicht mehr einzuholen, und mit der derzeit führenden Chiara Hölzl und der Drittplatzierten Eva Pinkelnig hat Trainer Harald Rodlauer gleich zwei heiße Eisen für das Einzel im Feuer. Die Norwegerin Maren Lundby ist die Dritte im Bunde, die noch aus eigener Kraft ganz an die Spitze vorstoßen kann.

Bei den Herren müssen Stefan Krafts Gegner auf einen Patzer des so stabilen Salzburgers hoffen. Denn auch wenn der zweitplatzierte Karl Geiger alle vier Bewerbe der Skandinavien-Tour gewinnen würde, es würde ihm nichts nützen. Kraft müsste einmal komplett abstürzen, um die Gesamtwertung noch zu verlieren. Er hat aber schon in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er für das kräftezehrende Saisonende genug Substanz hat. Für mich ist er im Einzel daher klarer Favorit, im Nationencup wird es aber spannend. Zwei Teamspringen stehen noch auf dem Programm ...

Entscheidend wird sein, ob sich neben Kraft ein weiterer ÖSV-Athlet nach den wechselhaften Leistungen stabilisieren kann. Der dritte Rang von Michael Hayböck in Lahti am letzten Sonntag macht zwar Hoffnung, allerdings ist dieser Bakken die absolute Lieblingsschanze des Oberösterreichers. Sein gutes Abschneiden ist für mich daher nicht unbedingt ein Maßstab für seine momentane Form. Bei den Damen bekommt übrigens Sophie Sorschag dank ihres Erfolges im Continental-Cup eine Chance, während Marita Kramer gemeinsam mit Lisa Eder bei der Junioren-WM in Oberwiesental um Medaillen kämpft. Kramer sprang gestern zu Gold, Eder auf Rang vier – bei den Herren holte Peter Resinger den Junioren-WM-Titel, der Tiroler Marco Wörgötter wurde Fünfter.   

Der Bewerb war nicht zu kontrollieren

Nun hat auch Stefan Kraft den heiß ersehnten Heimsieg geholt: Eine Woche nach Chiara Hölzl in Hinzenbach krönte sich der Salzburger zum Sieger am Kulm in Bad Mitterndorf/Tauplitz. Doch die Freude fiel verhalten aus, vermutlich hatte sich der 26-Jährige das Bad in der Menge anders vorgestellt:

Als er zum Sieger erklärt wurde, stand der ÖSV-Adler nicht im Auslauf inmitten der Fans, sondern hoch oben am Sprungturm. Der zweite Durchgang war abgebrochen worden, und so ein Sieg mit nur einem Sprung bekommt immer einen faden Beigeschmack. So mutmaßte man in der deutschen Presse sogleich einen Heimvorteil für den Lokalmatador, doch davon kann keine Rede sein. Die Entscheidung zum Abbruch wurde vom Technischen Delegierten, dessen Assistenten und dem Rennleiter getroffen, und nur Letzterer stammte aus den heimischen Reihen. Leider verschlechterten sich die Wetterbedingungen am Sonntag immer mehr: Rückenwind und Aufwind wechselten so schnell, dass der Bewerb nicht mehr zu kontrollieren war. Bei Rückenwind hatten die letzten Athleten keine Chance mehr – wie Kamil Stoch, der bei 159 Metern landete.

Die Jury konnte den Anlauf aber auch nicht verlängern, um den Wind zu kompensieren. Denn hätte es plötzlich Aufwind gegeben, dann wären die Besten womöglich im Flachen gelandet. Dieser Gefahr wollte die Jury niemanden aussetzen, und das ist gut so. Dass man nicht länger abwarten konnte, ist einem anderen Umstand geschuldet: der entsprechenden Sendezeit. Knapp nach dem Ende des Skifliegens startete bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Antholz das Verfolgungsrennen der Damen. Die Zeitfenster für die einzelnen Sportveranstaltungen an einem Tag sind genau kalkuliert, ein Wegschalten während der entscheidenden Phase beim Skifliegen würde wohl zu viele TV-Zuseher verärgern. Da bricht man lieber ab.   

Faszination Skifliegen: Acht Sekunden für die Ewigkeit

"Das ist ein wilder Hund!“ An diesen ehrfürchtigen Satz von Toni Innauer anlässlich der Skiflugweltmeisterschaft 1986 am Kulm erinnere ich mich noch ganz genau. Er galt Andreas Felder, der sich soeben mit einem Flug auf unglaubliche 191 Meter zum Weltmeister gekürt hatte. Ich saß damals als Teenager daheim vor dem Fernseher und saugte die Jubelstimmung, die am Fuße des Grimmings herrschte, mit Haut und Haaren auf. Toni war als Co-Kommentator im TV zu hören und ich befand mich gerade auf dem Sprung in den C-Kader des ÖSV und in das Schigymnasium in Stams.

Die Faszination Skifliegen hatte mich schon als junger Athlet gepackt: Das Wissen, dass Andi Felder dreimal so weit geflogen war als ich auf meinen bis dahin größten Schanzen, den 60-Meter-Bakken; die Vorstellung, dass sich so ein Flug auf fast 200 Meter wie eine kleine Ewigkeit anfühlen musste, auch wenn er nur acht Sekunden dauerte. Doch die Kräfte, die auf dieser gigantischen Flugschanze wirkten, sorgten nicht nur für Gänsehaut, sondern auch für größten Respekt. Bei dieser Weltmeisterschaft kam es nämlich auch zu drei schweren Stürzen, bei denen die Athleten am Hang aufprallten, als wären sie Marionetten, bei denen die Seile gekappt worden waren. So erhebend das Gefühl, dass die Luft einen trägt, auch sein kann, so fatal endet ein plötzlicher Strömungsabriss.

Heuer führt nun genau jener Mann, der 1986 für diesen fantastischen 191-Meter-Weltrekord sorgte, das ÖSV-Team als Cheftrainer zurück an den Kulm. Andi Felder ist seit vergangener Saison in Amt und Würden, erst heuer steht ein Bewerb in Bad Mitterndorf/Tauplitz auf dem Programm. Der Kulm lässt inzwischen viel größere Weiten zu und auch der internationale Skiverband hat nichts mehr dagegen. Immerhin hatte Felders Rekord von 191 Metern lange als „eingefroren“ gegolten. Weitere Flüge wurden einfach nicht als solche gewertet, um der gefährlichen Jagd nach der 200-Meter-Marke keinen Vorschub zu leisten. Dies ist längst Schnee von gestern und die Fans im Auslauf dürfen sich auf fast 250 Meter freuen.

Abseits der Weitenjagd ist mir Bad Mitterndorf/Tauplitz vor allem wegen der Menschen vor Ort ans Herz gewachsen. Ich kenne keine Wettkampfstätte, wo zwischen Athleten, Betreuern, Veranstaltern, Unterkunftgebern, den Fans und den vielen Freiwilligen so eine herzliche Nähe entstand. Vielleicht liegt es daran, dass es am Kulm fast keine Infrastruktur gibt und alles Saison für Saison wieder aufgebaut werden muss. Das ganze Hinterberger Tal scheint auf den Füßen zu sein, wenn das Skiflug-Spektakel auf dem Programm steht. Da wir mit dem Team etwas erhöht in Tauplitz gewohnt hatten, konnten wir am Vormittag auch immer gut beobachten, wie die Skiflug-Anhänger von allen Seiten heranströmten – meist aus allen Ecken Österreichs und darüber hinaus. Die friedliche Feierstimmung der unzähligen Fans hat mich immer fasziniert, auch schon als ich noch als Teenager vor dem Fernseher saß. Dass beim ersten Bewerb 1950 schon rund 10.000 Menschen zu dieser eindrucksvollen, in mühsamer Handarbeit hergerichteten Naturschanze pilgerten, unterstreicht, welche Bedeutung der Kulm von Beginn an hatte. Vielleicht ist das auch der Hauptgrund für die Herzlichkeit im Hinterberger Tal: dass die Begeisterung für das Skifliegen von Generation zu Generation weitergetragen wurde.   

Zusammenarbeit ist so fast nicht möglich

Die Bilanz des österreichischen Skisprungsportes kann sich derzeit wahrlich sehen lassen: Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren führt der ÖSV alle Wertungen an! Gesamtweltcup, COC-Gesamtwertung (2. Liga) und Nationencup liegen in heimischer Hand. Ein solcher Erfolg auf ganzer Linie ist äußerst selten und nicht hoch genug einzuschätzen, auch wenn bei den Herren neben Krafts One-Man-Show noch Luft nach oben ist.

Für die Skisprung-Trainer ist dies wohl Balsam für die Seele, nachdem ÖSV-Präsident Peter Schröcks­nadel deren Arbeit in einem TV-Interview dermaßen verunglimpft hatte. Es scheint zum Führungsstil alter Schule zu gehören, andere schlechtzumachen, um sich selbst besser zu fühlen.

In diesem Fall holte Schröcksnadel zum Pauschallob für alle Alpin-Trainer aus: Diese würden schon früh morgens ausführlich die Pisten treten, während Skisprungbetreuer nur kurz mit dem Kopf zu wackeln hätten, um den Athleten nachzuschauen. Von Kitzbühel noch siegestrunken schien er dabei völlig auszublenden, dass noch so fleißiges Pistenpräparieren im Weltcup keinen Erfolg garantiert – wie in Schladming und Garmisch deutlich zu sehen war. Die ÖSV-Alpinen trainieren wohl auf zu perfekten Pisten, wie TV-Experten diskutierten, denn kaum sind die Bedingungen schwierig, sind sie chancenlos. Dem ÖSV täte dabei nicht nur ein moderner Führungsstil, sondern auch innovatives Coaching gut. Das entsprechende Equipment wie Videoaufnahmen des gesamten Laufs aus der Ferne, um die perfekte Linie ganz aktuell zu analysieren, sind längst vorhanden.

Dafür sorgt Sportchef Anton Giger, der auch um Synergien innerhalb der ÖSV-Abteilungen bemüht ist. Wenn aber wie schon seit Jahrzehnten die Wertschätzung von ganz oben fehlt, schürt das Neid und Missgunst. Offene und ehrliche Zusammenarbeit ist so fast nicht möglich, denn wer verrät seine Erfolgsgeheimnisse schon seinem internen Konkurrenten um Anerkennung und finanzielle Mittel?   

„Superadlerinnen“ überstrahlen One-Man-Show

Was haben Österreichs Skisprung-Damen, das die Herren nicht haben? Mehrere Siegspringerinnen! Nach Chiara Hölzl (Klingenthal) feierten in Japan nun auch Marita „Sara“ Kramer und Eva Pinkelnig den Sprung aufs oberste Stockerl. Das Herrenteam gerät hingegen zunehmend zur One-Man-Show. So erfreulich Stefan Krafts Leistungen am Wochenende auch waren, sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei Aschenwald und Co. der Faden etwas gerissen ist. Während Kraft souverän zur alten Stärke fand, müssen die anderen um den Einzug in die Top Ten kämpfen.

Eine absolut überzeugende Vorstellung gab dafür die komplette Damenriege um Trainer Harald Rodlauer. Dem Steirer ist es gelungen, ein professionelles und leistungsstarkes Team aufzubauen, sowohl was die Athletinnen als auch die Betreuer betrifft. Angesichts der Tatsache, dass neben den drei Siegerinnen mit Daniela Iraschko-Stolz und Jacqueline Seifriedsberger noch zwei weitere Topathletinnen Chancen auf einen Sieg haben, darf man ruhig von den „Superadlerinnen“ sprechen.

Auch der Teamspirit, der Fortbildungswille der Betreuer und die Offenheit, mit der neue Entwicklungen angegangen werden, erinnern mich sehr an meine Zeit als Trainer. Und das, obwohl Rodlauer gleich zu Beginn der Saison seine Konfliktfähigkeit unter Beweis stellen musste! Doch dank der Rückendeckung des Nordischen Leiters Mario Stecher konnte der Streit mit Aushängeschild Iraschko-Stolz schnell beigelegt werden.

Insgesamt hat sich das Damen-Skispringen in den letzten Jahren unglaublich rasant entwickelt. Wenn man bedenkt, dass die Athletinnen erst seit heuer ihre Wettkämpfe vermehrt auf Großschanzen austragen, darf man von ihrem athletischen und flugtechnischen Können wirklich begeistert sein. Die Skispringerinnen bleiben übrigens noch länger in Japan, am kommenden Wochenende haben sie in Zao die Möglichkeit, zu weiteren Höhenflügen anzusetzen.   

Es braucht Werkzeug, um Druck standzuhalten

Herzlichen Glückwunsch an Tourneesieger Dawid Kubacki, der als einer der stärksten Abspringer im Feld nun auch Fliegerqualitäten unter Beweis gestellt hat! Mit dem ÖSV-Team hatte der Skisprung-Gott, der von den Kommentatoren eines heimischen TV-Senders so oft beschworen wurde, kein Einsehen. Das Minimalziel, ein Stockerlplatz, wurde endgültig verfehlt. Enttäuschend!

Egal, ob man an eine höhere Macht glaubt oder nicht, Skispringer neigen dazu, abergläubisch zu sein: Ob das die seit Wochen ungewaschenen Glückssocken sind oder das immer gleiche Aufwärmritual – an irgendetwas will man das Gefühl des Erfolges festmachen. Mir war das immer zu wenig, genauso wie ich nicht darauf warten wollte, dass ein Sieg „passiert“.

Seit Baldur Preiml nahm Österreichs Skisprung­sport gerade im mentalen Bereich immer eine Vorreiterrolle ein, zuletzt unter meiner Ägide mit neurowissenschaftlicher Unterstützung. Heute spielt dieses Thema eine untergeordnete Rolle, was zählt, ist allein die Anzahl der (Trainings-)Sprünge. Dabei ist das ÖSV-Team so gut wie lange nicht in diese Saison gestartet, am technischen Leistungsvermögen hapert es also nicht. Aber die Athleten brauchen dringend etwas an die Hand, mit dem sie auch unter Druck bestehen können.

Immerhin führt man noch die Nationenwertung an, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass es an aufstrebenden, wirklich jungen Springern fehlt. Dazu eine interessante Statistik: Seit 2010 (Michael Hayböck) stellte der ÖSV keinen Juniorenweltmeis­ter im Einzel mehr, seit 2011 auch kein siegreiches Team. Davor fuhr man in jeder Dekade seit Bestehen des jährlich ausgetragenen Vergleichskampfs mindes­tens sechs Goldmedaillen ein. In den letzten zehn Jahren wurde also viel versäumt – da spielt es auch keine Rolle, ob die Plätze im Nationalteam besetzt waren oder nicht.   

Eine Leichtigkeit, die sich nicht reproduzieren lässt

Der Bergisel ist leider aufgrund wechselnder Wetterbedingungen seinem Ruf als Tournee-Knackpunkt gerecht geworden: Die ersten vier der Gesamtwertung wurden ordentlich durcheinandergewirbelt. In Bischofshofen erwartet uns dafür ein spannender Vierkampf, vielleicht kann auch Stefan Kraft als Gesamtfünfter noch ein Wörtchen mitreden, auch wenn sein Abstand schon relativ groß ist. Aber ein bisserl träumen ...

Losgelöst davon: Welche sind wohl die besseren Voraussetzungen, um die Vierschanzentournee in Bischofshofen für sich zu entscheiden: jugendliche Leichtigkeit oder Stabilität und Routine? Als Führender fährt der routinierte Dawid Kubacki nach Salzburg. Der Pole gehörte nicht unbedingt zu den großen Favoriten, positionierte sich recht unauffällig immer unter den besten drei und ist dank seiner Stabilität ein klarer Anwärter auf das oberste Podest.

Mein Trainerherz geht aber im Speziellen auf, wenn ich den norwegischen Jungspund Marius Lindvik jubeln sehe. Der Juniorenweltmeister ist derzeit durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Im ersten Durchgang profitierte er noch von den Bedingungen, im zweiten meisterte er auch starken Rückenwind bravourös. 

Wenn ein Ausnahmetalent das erste Mal zu seiner Höchstform findet, den Jubel und den Trubel um sich völlig unbelastet aufsaugt, dann ist das auch für seine Betreuer eine ganz besondere Phase. Diese Leichtigkeit lässt sich kaum ein zweites Mal reproduzieren, wie man auch an Ryoyu Kobayashi, dem Überflieger des Vorjahres, sieht. Ich hatte den Eindruck, dass sich der Japaner vom ers­ten Sprung mit starkem Rückenwind aus der Bahn werfen ließ. Ganz im Gegensatz zu Karl Geiger, der die Nerven behielt, nachdem die Tournee nach Durchgang eins für ihn schon verloren schien.

Gregor Schlierenzauer kennt Lindviks Hochgefühl ganz genau und tut alles, um noch einmal diesen „Flow“ spüren zu können. Gestern ist ihm ein großer Schritt in diese Richtung gelungen und das, obwohl sich auf der Heimschanze der persönliche und öffentliche Erwartungsdruck nur schwer im Zaum halten lässt.

Wenn es taut auf dem Bergisel

Die üblichen Verdächtigen fanden sich gestern ganz vorne auf der Ergebnisliste der Qualifikation. Und mit Stefan Kraft und Philipp Aschenwald waren zwei Österreicher mit dabei. 

Alle Top-Springer konnten sich auf die ganz besondere Charakteristik der Innsbrucker Schanze einstellen, auch wenn Karl Geiger bei der Landung eine kleine Unsicherheit zeigte. Der Aufsprung ist am Bergisel immer schwierig: Bei der einzigen Schanze mit Gegenhang im Rahmen der Tournee müssen die Athleten nach der Landung schneller reagieren, damit sie nicht oben über die Bande hinausschießen. Die typischen Warmphasen sorgen zudem dafür, dass Wasser von beiden Seiten an die tiefste Stelle fließt und damit die Schneeauflage aufweicht. Das kann vor allem bei sehr weiten Sprüngen gefährlich werden, was in der Vergangenheit vor allem das deutsche Team (Freitag, Freund) schmerzlich zur Kenntnis nehmen musste. 

Das Bergiselspringen ist traditionell auch ein Schaulaufen des heimischen Nachwuchses. Doch während in Deutschland ein junges, aufstrebendes Team zu Gange war, traf man in Innsbruck innerhalb des ÖSV auf durchwegs alte Bekannte.

Interessant wird es damit auf einem Nebenschauplatz: Bei der Qualifikation waren nur sechs Vorspringer am Start, obwohl das Reglement zehn Athleten vorschreiben würde. Der ÖSV legt ja nun allen potenziellen Vorspringern einen Vertrag vor, in dem sie ihr freiwilliges Antreten bestätigen. So soll ein Arbeitsverhältnis wie bei Lukas Müller von vorne herein ausgeschlossen werden. Allerdings scheinen viele, vor allem ausländische Sportler, diesen Vertrag nicht unterschreiben zu wollen. Gestern herrschte gutes Wetter, doch wenn es heute Niederschlag geben sollte, dann werden die Vorspringer umso wichtiger sein. Vermutlich spekuliert man seitens des ÖSV damit, dass Athleten der nationalen Gruppe, die nicht im Hauptbewerb antreten, einspringen.

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