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Alexander Pointner

Mut zum Absprung

Kolumne von Alexander Pointner: Mut zum Absprung

Alexander Pointner, erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die Tiroler Tageszeitung das Schanzen-Geschehen.

Weitere Infos und Kolumnen: www.alexanderpointner.at

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Es braucht mehr Kontrollen beim Anzug

Es war ein beeindruckendes Erlebnis für mich, das erste Mal seit neun Jahren wieder einen Skiflugbewerb vom Trainerturm aus beobachten zu dürfen. Anders als in meiner aktiven Zeit wurden mir diesmal die faszinierenden Dimensionen, die diesen Sport ausmachen, voll bewusst. Der Kulm bot zwei völlig unterschiedliche Wettkampftage. Beim ersten Bewerb herrschte überraschend starker Aufwind, die Jury war daher gezwungen, mit einem kurzen Anlauf die Geschwindigkeit zu drosseln. Das hatte zur Folge, dass es für die Sportler ein extrem schmaler Grat war, ob sie bei 120 Metern landeten oder über 220 Meter weit segelten. Die Flugkurve war so niedrig, dass Einzelne sogar mit den Hinterenden der Ski am Vorbau streiften, aber erneut abhoben, da sie ihre Flugposition beibehielten!

Am zweiten Tag wehte der Aufwind nur schwach, entsprechend konnte mehr Geschwindigkeit zugelassen werden. Bis zu 4 km/h mehr sorgten für einen wesentlich höheren Luft-stand und weniger Streuung in den Weiten. Bei beiden Bewerben wurde aber klar, wer zurzeit sportlich das Sagen hat: Halvor Egner Granerud und Stefan Kraft. Die zwei kamen mit allen Bedingungen am besten zurecht und stellten damit die Weichen in Richtung WM bzw. auch Richtung Gesamtweltcup, da Kubacki und Lanisek deutlich abfielen.

Die zwei Wettkämpfe am Kulm brachten für mich aber auch ein Problem, das ich schon länger beobachte, deutlich zu Tage: die unzähligen Tricksereien bei den Anzügen. Offensichtlich hat man in diesem entscheidenden Bereich die Kontrollen immer noch nicht im Griff. Hier muss von Seiten der FIS endlich ein Machtwort gesprochen werden: Es braucht mehr Kontrolleure, mehr Messungen und noch genauere Maßvorgaben. Eine Reduktion der Flugfähigkeit bei den Anzügen würde dem Sport sicher guttun, denn so ließen sich Wettkämpfe besser steuern und die teils extreme Streuung bei den Weiten würde verhindert. Derzeit sind im Prinzip alle Nationen dazu gezwungen zu schummeln, wo es nur geht. Anders hat man tatsächlich keine Chance.

Beim Skifliegen greift ein Phänomen

Für mich war die Faszination Skifliegen als Athlet und Trainer nirgends so deutlich spürbar wie in Bad Mitterndorf/Tauplitz. Das lag einerseits natürlich daran, dass es in Österreich nur diese eine Flugschanze gibt. Andererseits gibt es kaum einen Ort, bei dem man als heimischer Akteur der traditionellen Begeisterung für das Fliegen persönlich so nahe kommt. Das zeigt schon die Entstehungsgeschichte des Kulm, die eng mit dem Familiennamen Neuper verknüpft ist. In den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts bauten fanatische Männer rund um Alois Neuper mit einfachsten Mitteln eine gewaltige Naturschanze in den Hang am Fuße des Grimming – harte Knochenarbeit für ein paar Sekunden Luftstand, für das so heiß ersehnte Gefühl des Fliegens. Dass sein Enkel Hubert Neuper später ein erfolgreicher Skispringer und enthusiastischer Veranstalter des Kulm-Fliegens werden sollte, war da wohl schon vorgezeichnet.

Heute ist der Kulm eine moderne Schanzen­anlage mitten im Grünen, die jedem Athleten große­n Respekt abringt. Für die weniger Routinierten können die auftretenden (Luft-)Kräfte überwältigend sein: die extrem schnelle Anfahrtsgeschwindigkeit, der hohe Luftstand und der große Druck, der die Skier mit aller Macht gegen den Körper presst. Alles scheint schneller und wuchtiger abzulaufen und doch muss der Sportler gerade nach dem Absprung den Mut aufbringen, um geduldig zu bleiben. Der ungewohnt lange Vorbau verzeiht keine Fehler, wer da zu früh auf die Skier drückt, dem droht großes Ungemach: Jedem Skisprungfan sind wohl die furchtbaren Stürze in Erinnerung, bei denen dem Springer hoch in der Luft ein Ski wegkippt und das Ganze fatal endet.

Die routinierten Athleten hingegen wissen diese Luftkräfte für sich zu nutzen. Es klingt paradox, doch obwohl die Geschwindigkeiten höher sind, haben Topspringer mehr Spielraum, um einen harmonischen Bewegungsablauf umzusetzen. Dieses Zeitlassen nach dem Absprung und der gewaltige Luftwiderstand über dem Vorbau machen es viel leichter möglich, auf einem Luftpolster in die Tiefe zu gleiten. Wie bei einer gewaltigen Welle, deren Kamm man perfekt reitet. Beim Skifliegen greift dann ein Phänomen, das es beim Springen so nicht gibt: Springer und Skier werden zu einem eigenständigen Flugkörper, der anstatt wie bei einer Wurfparabel weiter oben zu landen, noch einmal abhebt und zu Rekordweiten segelt.

Ein Tiroler verleiht Polen Flügel

Dass Polen ein skisprungverrücktes Land ist, wurde mir schon beim Transfer von Krakau nach Zakopane wieder bewusst:

Zwei Stunden lang wurde im Radio nur über Skispringen philosophiert. Es war ein ganz besonderes Erlebnis für mich, nach neun Jahren ins Mekka dieses Sports zurückzukommen. 2014 war ich als Trainer das letzte Mal dort, doch schon als junger Springer hatte mich die Skisprung-Begeisterung der Menschen dort fasziniert. Ein Bewerb wie am Wochenende in Zakopane ist immer ein riesiges, unfassbar lautes Volksfest. Zu den besten Zeiten befanden sich 30.000 Fans im Stadion und genauso viele schauten von außen zu. Die Polen sind natürlich auch Patrioten, doch gefeiert werden alle Sieger. Es geht um den Sport und nicht nur um den Erfolg an sich. Daher wurden auch die Österreicher frenetisch bejubelt, obwohl sie den Hausherren den Sieg im Teambewerb mit hauchdünnem Vorsprung wegschnappten.

Das Zünglein an der Waage war eindeutig Daniel Tschofenig als „vierter Mann“. Tschofenig fühlt sich in Zakopane extrem wohl, kürte er sich doch hier im Vorjahr zum dreifachen Junioren-Weltmeis­ter. Maßgeblich an Tschofenigs Ausbildung beteiligt war Thomas Thurnbichler. Für den neuen Coach der Polen war der Druck beim ersten Heimspringen immens. Man erwartet sich viel vom jungen Tiroler, vor allem auch im Nachwuchsbereich.

In Zakopane wurde viel investiert. Ich durfte ges­tern die neue Infrastruktur besichtigen, so wie übrigens eine Schweizer Delegation, die sich Impulse für ihren Bewerb in Engelsberg holen wollte. Zakopane ist mit seinem Volksfest-Charakter Vorbild für die meisten Skisprungveranstaltungen, einzig die Vierschanzentournee behielt lange ihr traditionelles (und ruhigeres) Erscheinungsbild. Das moderne Trainingszentrum mit angeschlossener Sportschule verfügt über Schanzen in fast allen Größen. Doch obwohl es in Polen eine lange Tradition und ähnlich wie in Österreich eine Skisprungkultur gibt, fehlt es beim Nachwuchs an modernem Know-how. Polens vielversprechendste Nachwuchshoffnung Pavel Wasek muss viel aufholen, um mit Tschofenig mithalten zu können. Dank Thurnbichler wird nun österreichisches Wissen in die Trainerausbildung und die Talenteförderung einfließen. Ich sehe das so wie die polnischen Fans nicht als Verlust, sondern als Gewinn für den Skisprungsport.

Wieder eine Tournee der vergebenen Chancen

Hut ab vor Halvor Egner Granerud! Die Entwicklung, die der Gewinner der diesjährigen Vierschanzentournee hinter sich gebracht hat, ist wirklich beeindruckend. Der Norweger ließ nie Zweifel daran aufkommen, dass er sich dieses Mal die Chance auf den Gesamtsieg nicht nehmen lassen wird. Drei Siege und ein zweiter Platz, der Gold wert war – dass er in Innsbruck kurz ins Straucheln kam, aber das mentale Werkzeug parat hatte, um sich selbst wieder in die Spur zu bringen, macht Granerud zum ganz großen Gewinner.

Die Österreicher haben ihr Minimalziel, einen Stockerlplatz, nicht erreicht. Und das, obwohl sie in Bischofshofen wesentlich mehr aus sich herausgegangen sind und sich mit mehr Biss nach vorne kämpften. Vier Springer unter den besten 10 sind mannschaftlich eine gute Leistung, ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass der Abstand zu den besten drei falsch eingeschätzt wird. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum Cheftrainer Andreas Widhölzl von fünf Athleten spricht, die auf das Stockerl springen können. Man glaubt, man sei so knapp dabei und es müsste einfach nur passieren.

Doch gerade an Graneruds Beispiel sieht man, dass es den entscheidenden letzten Schritt braucht, um ganz an die Spitze zu kommen, nicht umsonst hat man in Norwegen den ganzen Sommer über an einem Konzept für die Tournee gearbeitet. Das Wichtigste beim ÖSV wäre nun, dass analysiert wird, warum die Österreicher gestern, als es um nichts mehr ging, viel überzeugender und willensstärker auftraten. Oder warum das, was bei Mannschaftsspringen funktioniert, bei den Einzelbewerben nicht greift. Vielleicht liegt es ja daran, dass man die Erwartungen von vorne herein klein hält, damit man dann, wenn es mit dem Sieg nicht klappt, nicht zu enttäuscht ist.

Die ÖSV-Adler hatten verkündet, um den Tourneesieg mitspringen zu wollen. Es wurde aber gleich relativiert, dass man nichts erzwingen könne, da ja Windglück und sonst noch viele andere Dinge passen müssten. Nach dem ersten Bewerb sprach man vom Tagessieg als Ziel, dann war es nur noch der Stockerlplatz. Wenn man immer nur darauf hoffen muss, dass ein Sieg passiert, und nicht weiß, welche Schritte dorthin zu setzen sind, dann bleibt es immer ein Glücksspiel. Ich bin überzeugt davon, dass Stefan Kraft sich heuer noch steigern wird, der Salzburger hatte nach der Tournee in den letzten Jahren immer eine Hochphase. Doch es ist schade, dass man aus den vergebenen Tourneechancen der letzten Jahre nichts gelernt hat.

Ich vermisse diesen letzten Zug zum Sieg

Halvor Egner Granerud hat es, Dawid Kubacki hat es und Stefan Kraft normalerweise auch – das berühmte „Sieger-Gen“. Für mich beinhaltet dies neben den körperlichen Voraussetzungen eine starke innere Überzeugungskraft und eine unerschütterliche Entschlossenheit, gepaart mit einer Portion gesundem Egoismus. Nicht viele Athleten bringen diese Eigenschaften von selbst mit, die meisten müssen diese auf ihrem Weg an die Spitze mühsam lernen.

Bei den Österreichern scheint das Gespür für das Sieger-Gen nach der Ära der „Superadler“ verloren gegangen zu sein. Vielleicht weil es Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen fördert, die im sozialen Miteinander oft als egoistisch und unkollegial gebrandmarkt werden. Allerdings bewegten sich zu viele vielversprechende Nachwuchsathleten zu lange in einem Mittelmaß, das zwar zunächst eine gute und lehrreiche Zwischenstation ist, aber nicht zur Sackgasse werden darf. In den letzten zehn Jahren hat neben Stefan Kraft, der vermutlich mehr von seinen harten Lehrjahren unter den „Superadlern“ profitiert hat, als ihm bewusst ist, nur Daniel Huber den Sprung zum Sieg-Springer geschafft. Zu lange herrschte ein Credo der unbedingten Zufriedenheit auch mit den kleinsten Erfolgen, das Kritik im Grunde unmöglich machte. Manuel Fettner konnte sich in der Vorsaison mit seinem Olympia-Silber endlich davon lösen, nachdem er jahrzehntelang als ewiges Talent gegolten hatte. Er beschönigt seine Fehler nicht mehr, sagt ausführlich, was er will und was noch nicht passt. Dennoch vermisse ich diesen letzten Zug zum Sieg. Dass Cheftrainer Andreas Widhölzl in einem Interview am Bergisel Stefan Kraft ausrichten lässt, er möge sich im Hinblick auf die „Großen drei“ nicht kleiner machen, als er ist, werte ich als gutes Zeichen. In Bischofshofen, jener Schanze, die alle ÖSV-Adler wie ihre Westentasche kennen, ist alles möglich. Zumindest ein Stockerlplatz, vielleicht sogar ein Sieg wäre ein versöhnlicher Abschluss. Grundsätzlich muss man sich für die Zukunft aber etwas überlegen: Ein Generationenwechsel steht an und jene erfolgreichen Junioren, die unter ihrem ehemaligen Trainer Thomas Thurnbichler alles gewonnen haben, scharren in den Startlöchern. Einer davon ist Daniel Tschofenig. Es wäre schade, wenn diese Talente wieder im Mittelmaß versinken würden.

Ergebnis soll die ÖSV-Adler motivieren

Das Springen gewonnen, aber die Tournee verloren? Sorgte der Bergisel für eine Vorentscheidung im Kampf um den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee zugunsten von Halvor Egner Granerud? Ich denke schon, denn es ist für Dawid Kubacki fast unmöglich, seinen Rückstand von über 20 Punkten in Bischofshofen aufzuholen.

Bis zum zweiten Durchgang lief für die Polen alles wie am Schnürchen. Granerud war wie Kraft in Garmisch bei schlechteren Bedingungen früher dran, kam auf nur 123 Meter.

Als der Wind stetig besser wurde, musste die Jury verkürzen. Beste Voraussetzungen für Kubacki, dessen Betreuer so nicht das Risiko einer Verkürzung nach Trainerentscheid eingehen mussten. Mit einem großartigen Sprung schmolz der Rückstand auf Granerud dahin.

Doch im zweiten Durchgang drehten sich die Verhältnisse um und Granerud nutzte seine Chance: Mit einem fulminanten Sprung und einem waghalsigen Telemark bei 133 Metern war der Bergisel-Fluch der Norweger gebrochen und die Tournee so gut wie gewonnen. Kubackis zweiter Sprung war nicht sein bester, er wird seinen Sieg daher mit einem lachenden und einem weinenden Auge feiern.

Die Österreicher boten erneut eine kompakt gute Leistung, vier Springer unter den ersten zehn können sich sehen lassen. Der Jubel im Stadion, den ich direkt vor Ort erleben durfte, war ansteckend. Und doch kann ich als ehemaliger Trainer, der immer die absolute Spitze anstrebte, nicht zufrieden sein. Auch wenn Krafts zweiter Sprung wieder viel besser war -vor ihm liegen drei Athleten, die sich in einer eigenen Liga bewegen. Das ÖSV-Team hat derzeit nichts um den Sieg mitzureden und daran muss gearbeitet werden. Ich denke, dass allen Verantwortlichen klar ist, dass das mannschaftlich gute Abschneiden nicht nur als Bestätigung, sondern vor allem als Motivation zu sehen ist. Wesentlich bitterer verlief der Tag gestern für Stefan Horngacher: Die Deutschen sind völlig von der Rolle, harte Kritik wird da nicht ausbleiben.

Das „Biest“ Bergisel beißt wieder zu

Wer bei der Vierschanzentournee ganz vorne dabei sein will, der muss mental sehr flexibel sein. Wind und Wetter lassen sich nicht beeinflussen, daher muss ich als Topathlet damit rechnen, diesbezüglich auch einmal benachteiligt zu sein. Die Frage ist, wie gehe ich damit um? Gebe ich mir mental so viel Spielraum, dass ich dies als Teil des Ganzen begreife und trotzdem mein Bestes gebe, um den Schaden so gering wie möglich zu halten? Oder fokussiere ich mich nur mehr auf etwas, das ich ohnehin nicht beeinflussen kann?

Der Bergisel birgt neben den oft sehr wechselhaften Windverhältnissen seine eigenen Tücken. Das Stadion mit seinem Kessel macht die Landung gefährlicher, speziell wenn warme Temperaturen herrschen. Der enge Radius, der durchfahren werden muss, ist nicht nur ungewohnt, sondern oft auch holprig, da sich dort Schmelzwasser von beiden Seiten sammelt. Wir werden sehen, wie Norwegens Überflieger, Halvor Egner Granerud, mit dieser Situation umgeht. Der Bergisel ist sein Schicksalsberg, ähnlich wie Garmisch für Stefan Kraft, und die Wettervorhersagen versprechen wieder turbulente Verhältnisse. Cheftrainer Alex Stöckl stellte seinem Schützling sogar einen Psychologen zur Seite, um die vergebene Chance von 2021 aufzuarbeiten.

Stöckl weiß um die Wichtigkeit dieser Maßnahme, schließlich ist in Innsbruck schon so mancher Traum vom norwegischen Gesamtsieg geplatzt. Ich kann mich noch gut erinnern, als Gregor Schlierenzauer die Tournee gewann. Mit einer gemeinsam besprochenen taktischen Finesse konnten wir das Ruder herumreißen, nachdem zuvor Anders Jacobsen klar dominiert hatte. Dank einer Anlaufverkürzung nach Trainerentscheid und eines traumhaften Sprungs holte Schlierenzauer einen deutlichen Vorsprung heraus und brachte den Norweger unter Zugzwang. Dem war Jacobsen nicht gewachsen.

Doch nicht nur das Wetter, auch seine Verfolger werden es Granerud so schwer wie möglich machen. Zumal im polnischen Team neben Kubacki und Zyla nun auch Stoch wieder erstarkt ist. Das Team um Thomas Thurnbichler kann viel gelassener in den Wettkampf gehen. Wenn sich alle Leistungsträger auf einem Höhenflug befinden, braucht es keinen Psychologen. Befreit können auch die Österreicher an den Start gehen. Die Gesamtwertung ist dahin, dafür darf auf der Heim- und Trainingsschanze voll riskiert werden. Einem guten Abschneiden steht nichts im Wege.

Kraft warfen die eigenen Fehler zurück

Das gleiche Malheur wie jedes Jahr – so könnte man, frei übersetzt nach einem klassischen Silvester-Filmhit, die Situation von Stefan Kraft nach dem gestrigen Neujahrsspringen in Garmisch beschreiben. Wieder sind nach dem zweiten Bewerb der Vierschanzentournee alle Chancen auf den Gesamtsieg dahin.

Kraft nur als Windopfer darzustellen, lasse ich dabei nicht gelten. Ja, er hatte schwierige Bedingungen, aber wer als Topfavorit um den Gesamtsieg im Rennen bleiben will, der darf nicht so einen großen Rückstand aufreißen. Noch ist an der Spitze nichts entschieden, jeder der drei Führenden kann ebenfalls einen schlechten Tag oder schlechte Bedingungen haben. Wer da in Lauerposition bleibt, kann auch noch alles umdrehen.

Bei Kraft waren es gestern auch seine eigenen Fehler, die ihn so weit zurückwarfen. Dabei schien nach dem Abschneiden der Österreicher in Probe und Qualifikation der Garmisch-Fluch gebrochen. So ist das Abschneiden des restlichen Teams wirklich nicht hoch genug einzuschätzen, doch schlussendlich zählt das für die Tournee nichts. Immerhin tut es der Stimmung am Bergisel gut, wenn heimische Springer vorne dabei sind. Doch der Tourneezug ist da bereits abgefahren und das ist für ein Team, das den Nationencup und Olympia-Gold gewann, schon sehr enttäuschend.

Für Stefan Kraft rächt sich jetzt einerseits, dass er in Oberstdorf seine guten Bedingungen nicht ausnützen konnte, und andererseits, dass er bereits in der Quali von Garmisch einen nicht so guten Sprung hatte. Wäre er nämlich weiter vorne platziert gewesen, so wie Granerud und Co., hätte er dieselben Bedingungen wie die Spitzenleute gehabt. Granerud, Kubacki und Lanisek sprangen gestern in einer eigenen Liga, doch nur die ersten zwei kämpfen noch um den Gesamtsieg, sollte es nicht zu außergewöhnlichen Turbulenzen kommen.

Bei den Damen könnte man den Titel des Silves­ter-Filmhits wohlwollender übersetzen, für sie wiederholt sich der große Erfolg bei der Silvester-Tour von der Vorsaison. Nur steht dieses Mal eine andere Protagonistin ganz oben auf dem Treppchen: Eva Pinkelnig. Auf die ÖSV-Damen ist also Verlass, allerdings fehlt es im Moment an der mannschaftlichen Dichte. Vor allem Vorjahressiegerin Sara Marita Kramer findet nicht zu ihrer Form und scheint derzeit ratlos.

Granerud springt so gut wie nie

Der gestrige Großkampftag im Skispringen hatte in vielerlei Hinsicht zwei verschiedene Welten zu bieten. Bei den Herren teilten die wechselnden Verhältnisse den Wettkampf fast in zwei unterschiedliche Bewerbe: Hatten die einen mit starkem Rückenwind zu kämpfen, musste bei den anderen sogar zugewartet werden, weil der Aufwind zu heftig war. Bei den Damen lief alles wie am Schnürchen. Veranstalter, Verbände und Athletinnen boten großartigen Sport – allein die Zuschauer fehlten. Auch wenn man im TV darum bemüht war, viele jubelnde Fans zu zeigen, konnten diese Aufnahmen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das im Vergleich mit Oberstdorf eine völlig andere Welt war.

Beim deutschen Auftaktspringen herrschte eine unglaubliche Stimmung, da kam bei mir wirklich Gänsehaut auf. Auch wenn die Verhältnisse wie befürchtet sehr wechselhaft waren, wurde deutlich, dass jene Sportler, die mental gut eingestellt waren, auch mit Rückenwind zurechtkamen. Bestes Beispiel ist für mich Piotr Zyla: Während sich andere, wie z. B. Manuel Fettner, nicht auf den fehlenden Luftpolster einstellen konnten, segelte der Pole mit einem perfekten Sprung auf über 130 Meter. Er brachte sich gemeinsam mit Dawid Kubacki in eine optimale Ausgangsposition. Überragend war gestern aber nur einer: Halvor Egner Granerud, der in meinen Augen so gut springt wie noch nie in seiner Karriere. Aus österreichischer Sicht hielt sich Stefan Kraft zwar gut im Rennen, bei seinen Verhältnissen wäre aber mehr möglich gewesen – 20 Punkte Rückstand auf Granerud sind doch ernüchternd. Dafür gab Daniel Tschofenig zum wiederholten Mal ein Versprechen für die Zukunft ab, seine stete Aufwärtsentwicklung stimmt mich positiv.

Bei den Damen durfte in Villach hingegen ausgiebig gejubelt werden. Der Auftritt von Eva Pinkelnig war auch beim zweiten Springen der Silvester-Tour einfach grandios. Sie weiß im Moment genau, was sie braucht, um perfekt abzuliefern, kam bestens ausgeruht und voller Energie aus der Weihnachtspause. Es ist die reine Freude, ihr zuzuschauen. Veranstalter und Medien haben ebenfalls ihr Bestes gegeben: Begeisterte Moderatoren, tolle Bilder und eine stimmungsvolle Siegeszeremonie am Stadtplatz können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die große „Musik“ woanders spielt. Die Chance, als Sportart eine internationale Vor­reiterrolle einzunehmen, hat man leider verspielt.

Frühlingsgefühle zur falschen Zeit

Wenn ich derzeit mit unserem Hund draußen unterwegs bin, dann kommen fast Frühlingsgefühle auf – so warm und grün ist es im Moment. Als Skisprungtrainer haben mir diese Witterungsverhältnisse kurz nach Weihnachten immer Sorgenfalten beschert, denn für die Vierschanzentournee sind das keine guten Vorzeichen. Zumindest nicht, wenn man beim alljährlichen ersten Großereignis gewinnen will.

Die Schanzen sind trotz des Wärmeeinbruchs perfekt präpariert, die Veranstaltungen mehr oder weniger ausverkauft. Die 71. Vierschanzentournee bietet wieder jene große Bühne für unsere Sportart, wie wir es vor der Pandemie gewohnt waren. Bei den Sportlern ist heuer in mehrfacher Hinsicht Anpassungsfähigkeit gefragt: Zum einen ist es der nicht mehr gewohnte Rahmen mit Tausenden Zuschauern, Presse- und Sponsorenterminen, der für zusätzlichen Druck sorgt. Zum anderen können die Wind- und Wetterverhältnisse einiges durcheinanderbringen. Temperaturen um die 10 Grad und Südströmung – das wünscht man sich als Trainer für seine Athleten nicht. Gerade jene, die Chancen auf den Gesamtsieg haben, müssen fürchten, dass sie durch einen unglücklichen Zufall vom Winde verweht werden.

Doch nicht nur die Herren, auch die Damen betreten ab heute eine besondere Bühne. Allerdings fällt jene der Frauen bei der Silvestertournee vergleichsweise klein aus. Zwar finden heuer schon vier Bewerbe auf zwei Schanzen statt, doch es bleibt mir ein Rätsel, warum man diesen Weg geht. Glaubt man ernsthaft, neben der traditionellen Vierschanzentournee zur selben Zeit eine weitere etablieren zu können? Die Damen werden so niemals die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Sponsoren, Medien, Verbände und Fans können sich nicht zweiteilen und werden sich allein vom Stellenwert her für die Tournee der Herren entscheiden, die seit Jahrzehnten Garant für Einschaltquoten und Besucherzahlen ist.

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