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Alexander Pointner

Mut zum Absprung

Kolumne von Alexander Pointner: Mut zum Absprung

Alexander Pointner, erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die Tiroler Tageszeitung das Schanzen-Geschehen.

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Felder braucht jemand, der ihn unterstützt

Ungewöhnlich kritische Töne waren bei der Berichterstattung zum Saisonfinale der Skispringer in Planica zu hören. Ein WM-Bonus ist schnell aufgebraucht, wenn es darum geht, eine durchwachsene Saison zu bilanzieren. Leider endete sie so, wie sie begonnen hatte: mit enttäuschenden Ergebnissen der Österreicher. Erschwerend kommt hinzu, dass es hinter den Kulissen des ÖSV-Teams ordentlich brodelt. Gleich zwei Co-Trainer werfen das Handtuch. Obwohl die Verantwortlichen die Reihen geschlossen halten und keinen Grund zur Sorge sehen, sickerte durch, dass nicht nur Florian Liegl und Florian Schabereiter frus­triert sind: Eine moderne, strukturierte und vernetzte Trainingsplanung sei mit Chef Andreas Felder nicht möglich. Sich auf die Erfahrung und das Bauchgefühl eines Einzelnen nach dem Motto „Wir haben das vor 30 Jahren auch so gemacht“ zu verlassen, ist im heutigen Spitzensport auch nicht professionell. 

Dennoch hat das ÖSV-Team Erfolge zu verbuchen: drei Medaillen bei der WM (inklusive Mixed), das Wiedererstarken Stefan Krafts und die stabiler werdenden Leistungen von Daniel Huber und Philipp Aschenwald. Für die Heim-WM in Seefeld blieb Andreas Felder für mich eine gute Wahl: Durch sein besonnenes Coaching gab er seinen Athleten das Selbstvertrauen. Für die Zukunft muss sich der nordische Leiter Mario Stecher aber etwas einfallen lassen. Mit Schabereiter geht ein talentierter Leistungsdiagnostiker, ein Fachgebiet, auf dem man zuletzt hinterherhinkte. Skispringen ist eine sehr sensible Balancesportart, bei der nicht einfach munter drauflostrainiert werden kann. 

Krafttraining darf nicht auf Kosten von Spritzigkeit gehen, Ausdauertraining ist nur in sehr geringem Maße förderlich. Felder braucht dringend jemanden, der ihn fachlich fundiert unterstützt, und er muss zulassen, dass die Trainingskurse so geplant werden, dass jeder weiß, woran er ist. Plötzliche Planänderungen und fehlende Kommunikation führen bei Betreuern und Athleten zu Frustration, eine nachhaltige Entwicklung ist so kaum möglich. Aufgrund der prekären Beschäftigungsverhältnisse beim ÖSV für Trainer (trotz Zweijahresverträgen kann jeder schon nach einem Jahr gehen oder „gegangen werden“) ist aber fraglich, wer sich das antun will.

Der ÖSV muss endlich sein System hinterfragen

Silber und Bronze gab es bei den letzten Teambewerben in Seefeld, neun Medaillen insgesamt – Mario Stechers Weltmeisterschafts-Bilanz als nordischer Direktor kann sich sehen lassen. Die Neuaufstellung seiner Sparte kurz vor einem Groß­ereignis auf heimischem Boden war riskant, hat sich ausgezahlt und war gerade bei den Springern offenbar bitter nötig.

Für den ÖSV insgesamt können auch die vielen Erfolge nicht darüber hinwegtäuschen, dass der internationale Ruf endgültig zerstört ist. Wieder ein Dopingskandal und wieder will keiner etwas gewusst haben. Dass man die betrügenden Sportler vom Verband ausschließt und den ohnehin amtsmüden Markus Gandler entlässt, ist viel zu wenig.

Stattdessen sollte man endlich das System hinterfragen, das man selbst geschaffen hat. Ein System, in dem es beinhart um Erfolg geht, der sich vermarkten lässt, interne und externe Seilschaften aber eine genauso große Rolle spielen.

Warum sonst hat man Gandler so lange die Stange gehalten? Was ist mit der Verantwortung von Hans Pum, der als Sportdirektor für das „Personal“ zuständig ist? Warum wurde die Doping-Doku von Johannes Dürr in anderen Ländern, aber nicht in Österreich gezeigt?

Erfolg wiederum nützt einem nichts, wenn man der einflussreichen ÖSV-Führungsriege nicht zu Gesichte steht oder es wagt, die alpine Vormacht in Frage zu stellen, so wie ich es getan habe. Das schafft eine Ellbogengesellschaft sondergleichen, mit allen Mitteln wird um Erfolg und Status gerungen. Dabei werden alle gegeneinander ausgespielt: Athleten und Trainer. Anerkennung gibt es nur für Auserwählte, viel zu viele bleiben wie die Menschlichkeit auf der Strecke. In diesem Klima muss man hart um ein ehrliches Miteinander kämpfen. Ein Schicksal kann sich sowieso keiner leisten, da wird man wie der ehemalige Skispringer Lukas Müller, der am Kulm als Vorspringer schwer verunfallte, schnell im Stich gelassen.

Gab noch nie ein so verrücktes Springen

Es brauchte außergewöhnliche Fähigkeiten, um gestern beim Springen in Seefeld zu überzeugen. Dass Ryoyu Kobayash­i über solche verfügt, sah man eindrucksvoll im ersten Durchgang, dennoch hatte er schluss­endlich keine Chance. Noch nie in meiner ganzen Karrier­e habe ich so einen verrückten Bewerb erlebt. Sportlich gesehen war der Wettkampf für mich nicht fair, da die Anlaufgeschwindigkeiten viel zu sehr von den äußeren Bedingungen abhingen. Immerhin, vom Podium lachten drei bekannte Gesichter: Dawid Kubacki und Kamil Stoch freuten sich über eine gelungene Revanche – und auch Stefan Kraft konnte sein Glück kaum fassen. Eine Einzelmedaille bei der Heim-WM ist viel wert und später fragt niemand, unter welchen Bedingungen sie zustande kam. Hervorzuheben ist Philipp Aschenwald, der knapp eine Medaille verpasste.

Andreas Felders Wunsch, das Gejammer möge nun aufhören, wird sich damit eine Zeit lang erfüllen. Das ÖSV-Team hat seine Krise überwunden, die Erwartungshaltung wird allerdings nicht geringer. Sichtlich erleichtert war auch Polens Cheftrainer Stefan Horn­gacher. Hatte er sich nach dem ersten Durchgang mit der Niederlage abgefunden, konnte er zum Schluss den größten Erfolg seiner Trainer-Karriere feiern. Horngacher stand wie sein Sportlicher Leiter, Adam Malysz, unglaublich unter Erfolgsdruck. Dieser wird noch größer, wenn man das Gefühl hat, den Ausgang eines Wettkampfs durch die Verhältnisse nicht im Griff zu haben. Werner Schuster wiederum haderte nicht nur mit den Bedingungen, sondern auch mit sich. Er wäre viel zu ruhig geblieben, befand er, und erinnerte sich, „wie emotional ich früher für meine Athleten um Chancengleichheit gekämpft“ hatte.

Gut und Böse lassen sich nicht so leicht trennen

Während die Damen um den Weltmeistertitel kämpften, hatte ich das Vergnügen, die österreichische Pionierin in Sachen Frauen-Skispringen im Eurosport-Studio zu begrüßen: Eva Ganster erzählte aus ihrer Zeit, als es noch keine Wettkämpfe für Damen gab.

Als junge Erwachsene war sie bei den Herren nur noch als Vorspringerin erwünscht. Eva Ganster wurde zur Vorkämpferin für eine eigene Damenserie, umso mehr genoss sie es, bei der Heim-WM zu beobachten, wie weit ihre Kolleginnen gekommen sind. Beide Damenbewerbe waren ungemein spannend und boten höchstes Niveau. Und das Schönste am Skispringen ist, wenn man trotz großer Schwierigkeiten zum Erfolg springt – so wie Daniela Iraschko-Stolz.

Dann kam die Nachricht von der Doping-Razzia und ich fühlte mich ins Jahr 2006 zu den Olympischen Spielen von Turin zurückversetzt. Meine Athleten hatten gerade Gold und Silber im Einzel geholt, als meine heile ÖSV-Welt ins Wanken geriet. In den Siegestaumel mischten sich Unverständnis und Zorn, dass jemand die Freude über den lange erkämpften Erfolg auf so erbärmliche Art und Weise schmälerte. Gleichzeitig hatte ich Angst um die uns so vertrauten ÖSV-Ärzte: „Sie werden doch nicht …?“ Wir feierten trotzdem auf Teufel komm raus, wollten uns den „Heldenmoment“ nicht nehmen lassen.

Heute, mit mehr Abstand, verstehe ich die Enttäuschung der betrogenen, sauberen Athleten. Aber ich weiß auch, dass die einfachen Heldengeschichten, die man sich im Sport so gerne erzählt, viel komplexer und manchmal nur Märchen sind. Nur dass sich Gut und Böse nicht so leicht trennen lassen, wie es ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel gerne hätte.

Die Leitwölfin hielt dem Druck stand

"Für Daniela gab es nur Schwarz oder Weiß!“, beschrieb Damentrainer Harald Rodlauer den Gemütszustand seiner Ausnahmeathletin Iraschko-Stolz vor dem Teambewerb. Eine Lungenentzündung hatte sowohl die Trainingsleistungen als auch die Gefühle der Wahl-Innsbruckerin auf eine Berg- und Talfahrt geschickt. Freute sie sich im einen Moment auf die langersehnte Heim-WM, wollte sie im nächsten am liebsten gar nicht antreten. Seit gestern leuchtet sie gemeinsam mit Eva Pinkelnig, Chiara Hölzl und Jacqueline Seifriedsberger in Silber! Den ÖSV-Damen ist nicht nur zu ihrem hochklassigen Wettkampf zu gratulieren, sondern auch dazu, dass sie sich so erfolgreich für den Teambewerb eingesetzt haben. Gold ging verdient an unsere Nachbarn: Deutschland ist wie bei den Herren optimal aufgestellt.

Iraschko-Stolz’ Zweifel zeigen, wie viel Druck auf der Leitwölfin/dem Leitwolf in einem Team lastet, wenn es darum geht, vor heimischem Publikum Leis­tung zu bringen. Und wie schnell die Nerven blank liegen, wenn man in der Vorbereitung durch unvorhersehbare Ereignisse „gestört“ wird. Doch gerade im Team geht es nicht darum, dass der Teamleader allen davonspringt. Es braucht „nur“ acht solide Sprünge. Natürlich orientieren sich die anderen an ihrer Frontfrau, zumal Jacqueline Seifriedsberger noch nicht zu ihrer Bestform gefunden hat, Eva Pinkelnig nach Stürzen in den letzten beiden Jahren schwer zu kämpfen hatte und Chiara Hölzl mit 21 Jahren noch die Erfahrung fehlt. Je mehr Sicherheit Daniela Iraschko-Stolz ausstrahlt, desto eher können die anderen über sich hinauswachsen. Und das ist allen hervorragend gelungen – auch dank Cheftrainer Harald Rodlauer, der umso ruhiger wird, je schwieriger sich die Aufgabe gestaltet.

Dem Druck als Team standgehalten

Die „Road to Seefeld“ war für die österreichischen Skispringer eine holprige. Während Überflieger Stefan Kraft bald zu einer guten Form fand, gab es für seine Mannschaftskollegen kaum etwas zu lachen. Lange blieb offen, ob überhaupt jemand schlagkräftig genug sein würde, um im Team bei der WM um eine Medaille kämpfen zu können. Dass sich gestern Stefan Kraft, Daniel Huber, Philipp Aschenwald und Michael Hayböck die Silberne umhängen durften, ist daher umso erfreulicher. Alle haben eine solide Leistung abgeliefert, trotz des großen Drucks haben die Nerven gehalten. Herzlichen Glückwunsch!

Diese Medaille zeigt für mich auch, wie wichtig eine funktionierende Mannschaft in dieser Einzelsportart ist. Da die mentale Komponente eine so große Rolle spielt, ist es besonders wertvoll, wenn sich die Sportler untereinander austauschen und unterstützen können. Hier gilt wirklich das Motto: Gemeinsam sind wir stärker. Die Sprünge der ÖSV-Adler waren zwar nicht überragend, aber das war auch nicht unbedingt notwendig. Jeder Athlet hat annähernd gezeigt, was er im Moment zu leisten imstande ist. Keiner hat übersteuert, niemand wollte „zu viel“, denn mit Gewalt sind keine Medaillen zu holen.

Unsere deutschen Nachbarn schwimmen derweil weiter auf der Erfolgswelle. Das Team von Werner Schuster agierte gestern überragend und holte sich mit 56,6 Punkten Vorsprung verdient den Weltmeistertitel. Es ist wirklich ein einzigartiges Gefühl, wenn eine Mannschaft in so einen „Siegesrausch“ gerät, wenn alles aufgeht, was man sich erträumt und hart erarbeitet hat. Da schaut Skispringen dann ganz leicht aus. Ist es aber nicht, wie die höher eingeschätzen Polen und Norweger enttäuscht zur Kenntnis nehmen mussten: Als Mitfavoriten manövrierten sie sich in eine Abwärtsspirale hinein, die Athleten wirkten angespannt, ja fast verbissen.

Noch ist für die ÖSV-Adler gar nichts verloren

Eine Überraschung hatte sich schon in den letzten Tagen angekündigt. Der Bergisel, den meisten Springern durch die Vierschanzentournee bestens bekannt, zeigte sich in einem ungewohnten Kleid. Die warmen Temperaturen, der kurzzeitige Regen, die rasch wechselnden Winde machten es auch den arrivierten Athleten schwer, sich auf die Schanze einzustellen. Das konnte dem unbekümmerten Schweizer Killian Peier gerade recht sein, genauso wie den siegeshungrigen Deutschen Karl Geiger und Markus Eisenbichler, die sich im Jänner noch nicht mit Innsbruck anfreunden hatten können.

Selten war ein Springen so spannend wie gestern am Bergisel. Würden die Nerven der „jungen Wilden“, vor allem die des Schweizers halten? Die drei lieferten sich ein unglaubliches Finale und zum Schluss gab es gefühlt drei Weltmeister – so groß war die Freude bei allen Medaillengewinnern. Eisenbichlers Sprung stand auf der Kippe, er riskierte alles und gewann damit Gold.

Die ungewohnten Bedingungen waren vermutlich mit ein Grund, warum die ÖSV-Adler mit Ausnahme von Daniel Huber nicht ihre besten Leistungen abrufen konnten. Dazu kam auch ein gewisses Maß an Nervosität, da man sich berechtigterweise Hoffnungen auf eine Medaille gemacht hatte. Doch verloren ist noch gar nichts, denn die Medaille, die es zu holen gilt, wird heute vergeben. Die Frage ist nur, welche Farbe sie haben wird.

Mannschaftlich gesehen präsentierten sich die vier besten Österreicher gestern geschlossen unter den Top 15, dazu kommt, dass sich die ÖSV-Adler im Team momentan extrem wohl fühlen. Das gilt für die Deutschen natürlich genauso, zumal der Teamspirit dort ob der gemeinsamen Freude derzeit sicher einzigartig ist. Die Polen wurden gestern unter ihrem Wert geschlagen, bleiben aber trotzdem gefährlich und auch auf Japan sollte man nicht vergessen.

Ein rot-weiß-rotes Fahnenmeer

Die erste Fahrt vom fast ergrünten Innsbruck hinauf ins tief verschneite Seefeld ließ auch bei mir endgültig WM-Stimmung aufkommen. Der schmucke Wintersportort steht in den Startlöchern, und mit ihm nicht nur Sportler, Betreuer und WM-Verantwortliche, sondern auch unzählige freiwillige Helfer aus nah und fern. Akribisch und voller Vorfreude hat man sich auf diese nordische Großveranstaltung vorbereitet, jetzt wird es Zeit, dass es losgeht – auch für mich, denn als Experte für Eurosport International stehe ich vor einer völlig neuen Herausforderung.

Seefeld wird sich in den nächsten Wochen als perfekter Gastgeber präsentieren und die Fernsehbilder werden Wintersportbegeisterten auf der ganzen Welt zeigen, wie schön es bei uns ist. Bei den „Einheimischen“ haben die österreichischen Skispringer zuletzt selbst die beste Werbung in eigener Sache gemacht. Die drei Einzelerfolge von Stefan Kraft und der Gewinn des Teamspringens in Lahti waren nicht nur für den ÖSV ungemein wichtig.

Während sich in Seefeld schon länger kribbelnde Vorfreude und WM-Stimmung breitgemacht haben, spürt man in der Landeshauptstadt davon bis jetzt wenig. Dabei finden noch in dieser Woche vier Bewerbe auf der Bergisel-Schanze statt! Ich traue den ÖSV-Adlern im Einzel und im Team Medaillen zu, auch wenn die Favoriten auf Gold für mich andere sind: So wie der pünktlich zur WM wiedererstarkte Kamil Stoch oder Ryoyu Kobayashi, der zwar nicht mehr in Überform springt wie bei der Tournee, aber das Gewinnen nicht verlernt hat. Im Mannschaftsbewerb werden die Polen schwer zu schlagen sein, umso wichtiger ist es, dass die Österreicher den Heimvorteil voll ausnutzen können. Die Schanzen in Innsbruck und in Seefeld kennen sie wie ihre Westentasche – jetzt fehlt nur noch das rot-weiß-rote Fahnenmeer als Motivation.

Die Körpersprache passt zum Ergebnis

Es ist sehr erfreulich, dass auch die österreichischen Skispringer und Skispringerinnen das Ihre zu einem äußerst erfolgreichen Wintersportwochenende beitragen konnten: Ein Sieg von Stefan Kraft und zwei zweite Plätze in den Teambewerben bei Damen und Herren lässt das Selbstvertrauen steigen. Während andere, von denen man sich mehr erwartet hätte, gerade in Zakopane zu straucheln begannen: Lokalmatador Kamil Stoch und auch Seriensieger Kobayashi wussten im Auslauf nicht so recht, wie ihnen geschah. Um so konstanter präsentiert sich derzeit Stefan Kraft. Wirkte er bisher sogar bei seinen Stockerlplätzen unsicher, so passt nun auch seine selbstbewusste Körpersprache zu den Ergebnissen. Der überraschende Erfolg im Team hat wohl die letzten Zweifel und den größten Druck genommen. Dass mit dem 20-jährigen Jan Hörl ein echter Nachwuchsathlet aufgestellt wurde und dieser seine Sache ausgezeichnet machte, ist ein nächster positiver Ankerpunkt, an dem man sich im ÖSV-Lager nun festhalten darf. Auch wenn Skispringen eine Einzelsportart ist, führt der Erfolg oft über die Mannschaft, da man sich dort die Verantwortung teilt.

Wie jedes Jahr werden die Karten im Skisprungzirkus um diese Zeit neu gemischt. Der erste Höhepunkt mit der Tournee ist vorbei, bei siegreichen Athleten fällt die Spannung ab und leichte Müdigkeit wird spürbar. Andere, weniger siegreiche, schöpfen aus dieser Situation Kraft, es herrscht weniger Erfolgsdruck, bis zur WM bleibt noch Zeit. Zeit, die klug und gut überlegt genutzt werden sollte. Es wird äußerst interessant werden, wie die einzelnen Nationen die nächsten Wettkampfwochenenden gestalten. Wer tut sich die anstrengende Reise nach Japan an? Wer verzichtet vielleicht auf das kräfteraubende Skifliegen in Oberstdorf? Wer hat neben der WM auch den Gesamtweltcup im Blick? Für Stefan Kraft ist in meinen Augen beides möglich, wenn er seine derzeitige Form halten kann.

Das Skispringen lebt vom Blick über den Tellerrand

Der Österreichische Skiverband kann aufatmen. Stefan Kraft hat zu seiner Form zurückgefunden. Warum dem so ist, weiß vermutlich keiner im Team, aber das ist im Moment auch nebensächlich. Mich freut es vor allem für Stefan selbst.

Die japanischen Festspiele fanden in Bischofshofen indes ihre Fortsetzung, Ryoyu Kobayashi gewann nicht nur die Tournee, sondern auch den Grand Slam! Es ist eine wahre Freude, dem jungen Japaner mit seiner brillanten Technik zuzusehen. Und ich bin versucht zu betonen: Es geht auch ohne österreichisches Know-how. Was wurde über den Wissensverlust gejammert, weil heimische Trainer ins Ausland gewechselt sind. Gerade so, als ob es in Deutschland, Polen, Norwegen und Japan keine langjährige Skisprungtradition und fähige Trainer gäbe. Das Skispringen lebt vom Blick über den Tellerrand.

Einst galten die Finnen als Maß aller Dinge, dann die Norweger, die Deutschen, die Polen und dann für eine gewisse Zeit auch wir. Vor rund 20 Jahren lieferten zwei finnische Cheftrainer dem ÖSV wertvolles Know-how, vor zehn Jahren mein deutscher Cotrainer Marc Nölke.

Wenn ich wie in Innsbruck auf dem Trainerturm stehe, sehe ich, wie professionell in fast allen Nationen gearbeitet wird. In dieser Hinsicht gab es bei den Österreichern den größten Wissensverlust, weil man zu einer Arbeitsweise zurückgekehrt ist, die vor über 20 Jahren üblich war.

Es wäre an der Zeit, dass der ÖSV nun von anderen Teams lernt, zu lange schmort man schon im eigenen Saft. Die große Anzahl an Betreuern und Spezialisten für das Nationalteam ist angesichts des derzeit mageren Erfolges nicht mehr zu halten.
Es bräuchte eine komplette Umstrukturierung, was sicherlich eine spannende Herausforderung ist. Es gilt, das Hauptaugenmerk auf die Nachwuchsförderung zu legen und Ressourcen umzuverteilen. Mario Stecher bringt zwar viel frischen Wind in die nordische Abteilung, es fehlt ihm aber an Erfahrung in diesem Metier und der restliche Verband ist verstaubt und veraltet.

Ob sich das ein hochqualifizierter Werner Schuster, der in der Schweiz und in Deutschland erfolgreich war, überhaupt antun will? Das wage ich zu bezweifeln.
Es gäbe auch andere Trainer, die lange im Ausland Erfahrung gesammelt haben und sicher – egal in welcher Position – motiviert wären, etwas beizutragen, wie etwa Nik Huber (Norwegen) oder Bernhard Metzler (Deutschland).

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